Wien-Sonette

Ankunft
(10. Jänner 2022)

Wir wissen noch nicht, wie der Sommer wird,
und seine Ankunft lieben alle Menschen. Aber
sie jetzt zu wünschen ist zu früh für den Liebhaber
– noch ist es die Taube, die die Botschaft girrt

vor seinem Fenster. Dunkel und fest in sich
gedrängt ist all die Erde in den Töpfen
draußen am Balkon; und daraus will ich schöpfen
Früchte und Kräuter. Einem Garten glich

dies kleine Paradies im Vorjahr. Aber bald
wird er wieder sein: Der dichte Pflanzenwald
aus Rosmarin und Paradeis, und auf der Stelle

gibt es allmählich statt dem kalten Weiß ein Grün.
Dies aufgehende Geschehen zeigt auf alle Fälle
dies: Ich will, dass meine Pflanzen wieder blühn.

– – –

Kürzester Tag
(20. Dezember 2021)

Ab morgen soll es langsam heller werden,
Das sagen die gemess’nen Himmelssphären.
Noch lange wird es dauern, bis die Ähren
Im hellen Wind sich wiegen und die Herden

Gras und Kräuter rupfen auf den Wiesen. Und
Lange wird es dauern, Tage sind gezählt,
Deshalb haben wir ein dunkles Kleid gewählt,
Bis uns dann die Sonne zeigt: Die Welt ist bunt!

Ab wann es wärmer werden wird? Wer das weiß,
Lehnt aus dem Fenster sich, ist wagemutig,
Auf den Straßen schlittern Menschen übers Eis,

Sie rutschen aus, dann ist die Nase blutig.
Die helle, warme Jahreszeit wird kommen,
Und diese Hoffnung, sie wird mitgenommen.

– – –

In Tesars Kirche
(für November 2021)

In diesem Haus, in diesem Haus
da wärmst du gern die klammen Finger,
wenns im November kalt ist draußt.
Durch deinen Sinn gehn dir die Alltagsdinger

in diesem Haus, in diesem Haus,
das, wie geduckt, doch riesengroß,
ein schlichter Quader ist. Und frei heraus
löst sich in deiner Brust ein Kloß

in diesem Haus, in diesem Haus.
Du kannst dich so gut in dich selbst versenken,
und irgendwann kennst du dich besser aus,

und wirst der Liebsten bald was Schönes schenken.
In dieses Haus, in dieses Haus,
da gehst du gerne rein, um nachzudenken.

– – –

Oktober-Flanerie
(1. Oktober 2021)

Jetzt ist die Zeit, da fallen Äpfel weit vom Stamm,
und auch die Blätter tun es ihnen gleich.
Du gehst hinaus und deine Hände werden klamm,
du steckst sie in die Tasche. Doch obgleich

das Wetter dir nicht zusagt, ist es angenehm.
Du bist geschützt von einer warmen Jacke. –
Es war so gut, heut Morgen heiter rauszugehn
und voll hineinzutreten in die alte Regenlacke.

Ich weiß nicht, nenn ich es Spazandern;
oder vielleicht Wandrieren ist es, was ich tu?
So schlendere ich gerne durch die Stadt.

Die Wege, die ich gehe, tun mäandern,
die scheue Sonne schaut mir dabei zu
und sieht die Freude, die der Mensch beim Gehen hat.

– – –

Spätsommer im Prater
(1. September 2021)

Allmählich liegen Schatten auf den Fluren,
doch deutlich länger sind sie, als zuletzt zu sehn.
Es naht die Zeit, da alle an den Uhren
zurückdrehn diese eine Stunde und verstehn,

dass nun die Jahreszeiten wieder eingerichtet sind.
Die fünfte Jahreszeit ist immer im September,
bloß ein paar Tage sinds in ihm, mit sonnig-sanftem Wind.
Das alles wird sich ändern im November.

Doch jetzt durchweht die Stadt viel laue Luft.
Und auf ein letztes Sommerfest wir laufen –
mit Lachen, Lauschen und gegrilltem Essensduft.

In der Allee die letzte Sommerluft wir schnaufen.
Und auf den Fluren eine Krähe ruft – –
und auf den Fluren eine Krähe ruft.

– – –

Gewitter
(1. August 2021)

Da droben in den Himmelssphären,
da grummelt es, da brummelt es.
Die Luft wird dicht, es scheint, als wären
die Wolken ein sich verwandelndes

Gebräu von Weiß zu Grau ins Schwarz.
Und rundrum wird es langsam dunkel –
mitunter hellt ein Blitz das Schwarz,
die Fenster leuchten wie Karfunkel,

und dann bewegt ein Sturm die Luft,
die nun mit Wasser, das von oben fällt,
sich immer dichter füllt. – – –

Es tröpfelt, regnet, schüttet – und es ruft
kein Vogel in der Flut, die sich ins Dasein stellt.
Es blitzt schon wieder – und danach der Donner brüllt.

– – –

Unter der Brücke
(6. Juli 2021)

Es ist so heiß
an diesem Ort.
Ich will ein Eis
und keinen Sport.

Oben am Gleis
die Ubahn fährt.
Mein Fahrausweis
sehr bald verjährt.

Vom Ufer rein
ins Nass ich geh,
und das ist fein,

des is so sche.
Der Schluss hier ist leis,
denn: Es ist so heiß.

– – –

Donauinsel
(15. Juni 2021)

Im Juni, da lagert man gern auf der Insel,
Sieht ein Bläßhuhn – es taucht hurtig hinab.
Am grünen Wasser, gemalt wie vom Pinsel,
Da ziehen auch Schwäne sehr stolz auf und ab.

Am Himmel so blau die Schwalben sich umtun,
Sie ziehn ihre Spuren mal hin und mal her.
In der Bucht nebenan zwei Liebende rumtun,
Mal ist sie obenauf und dann auch mal er.

Und steigst du ins Wasser und fühlst du die Kühle,
Dann spürst und dann weißt du: Der Sommer ist da!
Je später der Tag, desto größer die Schwüle,

Und das Bier, das ich deswegen gern runterspüle,
Es erfrischt mich von innen, ich sag dazu »Ja«!
Und ich spüre und weiß: Der Sommer ist da!

– – –

Maien-Wetter
(20. Mai 2021)

Der Mai ist da, und er ist kalt,
Verkümmern tun die Triebe.
Da wünscht man sich doch sehr und bald
Mehr Wärme für die Liebe.

Der Fink bleibt fern, und vor dem Tor
Noch immer Tauben speisen
So Kern um Kern. Es sie auch fror,
Dafür tun sie gern scheißen.

Sich treiben lassen, speisen, lieben –
Das ist doch, was als Mensch man will,
warm eingehüllt und selig still,

Wie viele Dichter oftmals schrieben.
Allein: Das Wetter spielt nicht mit!
Der Juni, hofft man, wird ein Hit!

– – –

Am Kahlenberg
(5. April 2021)

So frag ich mich, wie soll ich weitergehn,
wenn all die gelben Wegepfeile hoch
am kahlen Berg mich viele Gänge lassen sehn?
Feiertage waren, oben ist das Gras noch

nicht ganz grün. – Und dann ist die Stille
auf der Wiese noch leis vernehmlich und sie gibt
mir keinen Rat, wohin des Schrittes Wille
sich wenden soll. – Und so beliebt

es meinem Leib, sich auf das dürre Gras zu setzen.
Die Aussicht auf die Stadt, sie ist so schön.
Die Seele baumelt, nebenan tun Leute schwätzen,

kalt ist es noch, doch weithin ist zu sehn
der helle Himmel, blau und grau und weiß –
und aus dem Boden sprießt es grün, ganz naseweis.

– – –

Donaugang
(1. März 2021)

Es ist heut schön entlangzugehn
am breiten Fluss – und über dir ein blaues
Zelt, so jung und auch hell anzusehn.
Der vielbegangne Weg, er ist ein graues

Band zu deinen Füßen. Es singen frühe Vögel,
das Wasser wandert träg an dir vorbei,
und auf ihm sonnen sich die Entenvögel,
sie treiben still und träg an dir vorbei.

Der sanfte Sang und auch die laue Luft,
sie lockern und sie weiten deine Lunge,
ein kleines Lied formt sich auf deiner Zunge

und du – die Leier draußt im Märzenduft –
beginnst, ganz leis und sachte auf dem Weg zu springen
und zu singen; und auch der Fluss vernimmt dies Klingen.

– – –

Verfrühter Frühling
(21. Februar 2021)

Es ist der Mond, der dieser Tage alles ändert, und
aus den wasserweißen Wiesen lugt ganz zart
hervor ein junges Grün, verankert tief im Grund
der dunklen Erde. Das Grün, es ist am Start

ständigen Strebens direkt rauf zum Licht,
und mit der Zeit kommt auch mitunter eine Blüte
raus aus der Knospe, vor unser Gesicht.
Und das tut gut dem grübelnden Gemüte,

denn: es sehnt sich rauf zum Blau, zum Hellen,
rauf zum klaren, gelben Schein der Sonne,
der, ins Eck gepinselt wie auf Aquarellen,

gemalt von Kinderhand, sich hält und zeigt.
Vorbei ist jetzt das kalte, finstre Leben in der Tonne.
Hinaus, hinauf, hinan zum Licht nun alles Leben steigt.

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