Wien-Sonette

Spätsommer im Prater
(1. September 2021)

Allmählich liegen Schatten auf den Fluren,
doch deutlich länger sind sie, als zuletzt zu sehn.
Es naht die Zeit, da alle an den Uhren
zurückdrehn diese eine Stunde und verstehn,

dass nun die Jahreszeiten wieder eingerichtet sind.
Die fünfte Jahreszeit ist immer im September,
bloß ein paar Tage sinds in ihm, mit sonnig-sanftem Wind.
Das alles wird sich ändern im November.

Doch jetzt durchweht die Stadt viel laue Luft.
Und auf ein letztes Sommerfest wir laufen –
mit Lachen, Lauschen und gegrilltem Essensduft.

In der Allee die letzte Sommerluft wir schnaufen.
Und auf den Fluren eine Krähe ruft – –
und auf den Fluren eine Krähe ruft.

– – –

Gewitter
(1. August 2021)

Da droben in den Himmelssphären,
da grummelt es, da brummelt es.
Die Luft wird dicht, es scheint, als wären
die Wolken ein sich verwandelndes

Gebräu von Weiß zu Grau ins Schwarz.
Und rundrum wird es langsam dunkel –
mitunter hellt ein Blitz das Schwarz,
die Fenster leuchten wie Karfunkel,

und dann bewegt ein Sturm die Luft,
die nun mit Wasser, das von oben fällt,
sich immer dichter füllt. – – –

Es tröpfelt, regnet, schüttet – und es ruft
kein Vogel in der Flut, die sich ins Dasein stellt.
Es blitzt schon wieder – und danach der Donner brüllt.

– – –

Unter der Brücke
(6. Juli 2021)

Es ist so heiß
an diesem Ort.
Ich will ein Eis
und keinen Sport.

Oben am Gleis
die Ubahn fährt.
Mein Fahrausweis
sehr bald verjährt.

Vom Ufer rein
ins Nass ich geh,
und das ist fein,

des is so sche.
Der Schluss hier ist leis,
denn: Es ist so heiß.

– – –

Donauinsel
(15. Juni 2021)

Im Juni, da lagert man gern auf der Insel,
Sieht ein Bläßhuhn – es taucht hurtig hinab.
Am grünen Wasser, gemalt wie vom Pinsel,
Da ziehen auch Schwäne sehr stolz auf und ab.

Am Himmel so blau die Schwalben sich umtun,
Sie ziehn ihre Spuren mal hin und mal her.
In der Bucht nebenan zwei Liebende rumtun,
Mal ist sie obenauf und dann auch mal er.

Und steigst du ins Wasser und fühlst du die Kühle,
Dann spürst und dann weißt du: Der Sommer ist da!
Je später der Tag, desto größer die Schwüle,

Und das Bier, das ich deswegen gern runterspüle,
Es erfrischt mich von innen, ich sag dazu »Ja«!
Und ich spüre und weiß: Der Sommer ist da!

– – –

Maien-Wetter
(20. Mai 2021)

Der Mai ist da, und er ist kalt,
Verkümmern tun die Triebe.
Da wünscht man sich doch sehr und bald
Mehr Wärme für die Liebe.

Der Fink bleibt fern, und vor dem Tor
Noch immer Tauben speisen
So Kern um Kern. Es sie auch fror,
Dafür tun sie gern scheißen.

Sich treiben lassen, speisen, lieben –
Das ist doch, was als Mensch man will,
warm eingehüllt und selig still,

Wie viele Dichter oftmals schrieben.
Allein: Das Wetter spielt nicht mit!
Der Juni, hofft man, wird ein Hit!

– – –

Am Kahlenberg
(5. April 2021)

So frag ich mich, wie soll ich weitergehn,
wenn all die gelben Wegepfeile hoch
am kahlen Berg mich viele Gänge lassen sehn?
Feiertage waren, oben ist das Gras noch

nicht ganz grün. – Und dann ist die Stille
auf der Wiese noch leis vernehmlich und sie gibt
mir keinen Rat, wohin des Schrittes Wille
sich wenden soll. – Und so beliebt

es meinem Leib, sich auf das dürre Gras zu setzen.
Die Aussicht auf die Stadt, sie ist so schön.
Die Seele baumelt, nebenan tun Leute schwätzen,

kalt ist es noch, doch weithin ist zu sehn
der helle Himmel, blau und grau und weiß –
und aus dem Boden sprießt es grün, ganz naseweis.

– – –

Donaugang
(1. März 2021)

Es ist heut schön entlangzugehn
am breiten Fluss – und über dir ein blaues
Zelt, so jung und auch hell anzusehn.
Der vielbegangne Weg, er ist ein graues

Band zu deinen Füßen. Es singen frühe Vögel,
das Wasser wandert träg an dir vorbei,
und auf ihm sonnen sich die Entenvögel,
sie treiben still und träg an dir vorbei.

Der sanfte Sang und auch die laue Luft,
sie lockern und sie weiten deine Lunge,
ein kleines Lied formt sich auf deiner Zunge

und du – die Leier draußt im Märzenduft –
beginnst, ganz leis und sachte auf dem Weg zu springen
und zu singen; und auch der Fluss vernimmt dies Klingen.

– – –

Verfrühter Frühling
(21. Februar 2021)

Es ist der Mond, der dieser Tage alles ändert, und
aus den wasserweißen Wiesen lugt ganz zart
hervor ein junges Grün, verankert tief im Grund
der dunklen Erde. Das Grün, es ist am Start

ständigen Strebens direkt rauf zum Licht,
und mit der Zeit kommt auch mitunter eine Blüte
raus aus der Knospe, vor unser Gesicht.
Und das tut gut dem grübelnden Gemüte,

denn: es sehnt sich rauf zum Blau, zum Hellen,
rauf zum klaren, gelben Schein der Sonne,
der, ins Eck gepinselt wie auf Aquarellen,

gemalt von Kinderhand, sich hält und zeigt.
Vorbei ist jetzt das kalte, finstre Leben in der Tonne.
Hinaus, hinauf, hinan zum Licht nun alles Leben steigt.

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