Rechtschaffen und entsetzlich

Ein Rezensionsessay über »Daniel-Pascal Zorn: Das Geheimnis der Gewalt. Warum wir ihr nicht entkommen & was wir trotzdem dagegen tun können, Stuttgart: Klett-Cotta 2019«

Jeder Mensch hat einen Leib. Kein Mensch will, dass seinem Leib Gewalt angetan wird. – Beide Behauptungen sind, so eine weitere Behauptung, in jeder Kultur gültig. Und trotzdem kommt es überall und immer wieder vor, dass Gewalt ausgeübt wird, Gewalt gegen den je meinen Leib. Recht will man mit ihr schaffen mitunter, aber zugleich weiß man, welch entsetzliche Folgen sie hat und haben kann, und will sie – wenigstens aus dem eigenen Leben – verbannen. Die Gewalt lässt sich aber nicht so einfach vertreiben, das, so könnte man sagen, ist Teil ihres Geheimnisses, wenn nicht sogar das Geheimnis selbst. Der »Schluss« des hier vorzustellenden, überaus lesenswerten Buchs löst das auf. Und die Behauptungen habe ich aufgestellt.

Das ist nur einer von möglichen Gedankengängen, die sich eröffnen, wenn man Daniel-Pascal Zorns neues Werk »Das Geheimnis der Gewalt« liest, und vielleicht war er auch leitend beim Verfassen dieses ausgesprochen bemerkenswerten philosophischen Essays. Allerdings macht der Autor es einem nicht leicht, dieses Buch zu rezensieren. Es ist nämlich thematisch derart fein austariert, dass man, wollte man einzelne Darstellungen sozusagen nachstellen, unweigerlich Gefahr läuft, zu ›spoilern‹ – also potenziellen Leserinnen und Lesern das Vergnügen der Selbsterfahrung beim Lesen des Buches zu nehmen. Dies soll hier nun nicht geschehen. Deshalb zunächst ein paar ungeordnete Gedanken.

Leseeindrücke

(1) Auf gewisse Weise erinnert Zorns »Das Geheimnis der Gewalt« an die »Fragmente einer Sprache der Liebe« von Roland Barthes (auf Deutsch bei Suhrkamp erschienen). Auch dieses Buch widmet sich der Darstellung eines grundlegenden menschlichen Phänomens (von »[S’]abimer« über das »Je-t’-aime« bis zu »Vouloir-saisir«), und Barthes ordnet seine als unabgeschlossene Meditationen formulierten Gedanken gleichsam enzyklopädisch entlang des Alphabets. Auch Zorn wählt die alte philosophische literarische Form der ›meditatio‹, allerdings ohne ihr eine vordergründige Ordnung zu geben. So wirken die 28 Kurzkapitel wie assoziativ angeordnete Texte. Zorn hat ihnen aber ein Gerüst, quasi ein Skelett gebaut: Einleitung und Schluss – deren sehr genaue Lektüre hier nachdrücklich empfohlen wird – rahmen die Kapitel, als deren Säulen man Nr. 10, 14 (die Mitte des Buchs) und 18/19 bezeichnen kann. Sie spannen das Thema auf, das vom Miteinander-Sprechen (10), von der Bedeutung der Akademie als aufklärerische Institution, die zur Mündigkeit erziehen will/soll (14), und von einer Leiblichkeits-Reflexion (19) getragen wird.

(2) Ein Wort zur bereits erwähnten literarischen Form der Reflexionen, zur ›meditatio‹. Es ist auffällig, dass alle Kapitel des Buches mit Betrachtungen beginnen, deren Absicht es offenbar ist, den Leser und die Leserin in das Thema der jeweiligen Reflexion einzuüben. Was diese Passagen darlegen, wird dann jeweils durchgearbeitet, oder anders gesagt: durchgedacht; oft mit Hilfe brillanter Gedankenexperimente, mehr dazu siehe unten. Und oft – nicht in jedem Fall – enden sie in Fragen. Das erinnert stark an jene alte Form philosophischen Reflektierens, die man seit dem Mittelalter ›meditatio‹ nennt. (DAS, bitteschön, ist Meditation, und nicht das vermeintlich entspannte, oft genug am Boden sitzende bekiffte, ›achtsame‹ Ooom-Singen.) Meister der Meditatio waren neben den Viktorinern Hugo und Richard vor allem Ulrich von Straßburg und nicht zuletzt auch René Descartes, der im Kapitel 6 des Buches prominent auftritt. Eine Meditation in diesem Sinne zeichnet sich dadurch aus, dass sie aus zwei wechselweise aufeinander bezogenen Text-Elementen besteht, aus der ›lectio‹, dem eingehenden mitvollziehend-kritischen Wahrnehmen dessen, was man erfährt, sprich: liest –, und aus der eigentlichen ›meditatio‹, dem zunächst ziellos-abschweifend erscheinenden Nachdenken, das sich letzlich als sorgfältig aufmerkendes und an der Sache orientiertes methodisches Reflektieren des in der ›lectio‹ präsentierten Erfahrenen herausstellt; alldas unter Einbeziehung der Affekte, die der derart Meditierende nicht ausschließt. Zorns Buch hält diese Vorgabe – so sie denn eine solche war beim Schreiben – durch und ist nachhaltig von der selbstgestellten Aufgabe beherrscht, zu zeigen, was ist. Dazu gehören unabdingbar die bereits erwähnten Fragen, denn – so ist es gute Kultur phänomenologischer Betrachtungen – es kommt auf die Ausarbeitung der Frage an. Dies vorzuführen ist ein Appell des Buches an den Leser und die Leserin: Denkt nach! Versucht, mit Hilfe der Fragen die Antwort zu finden! »Das Geheimnis der Gewalt« ist ein überaus einladendes und auch ehrliches und offenes Buch, weil man Daniel-Pascal Zorn so schön beim Denken zusehen kann.

(3) »Gewalt muss sich verbergen« (16), schreibt Zorn gleich in der Einleitung und setzt dem Leser, der Leserin damit einen Floh ins Ohr, denkt man doch gleich an Heraklits »Physis kryptesthai philei« – »die Natur liebt es, sich zu verbergen« (DK 22 B 123; Mansfeld Nr. 27, 252). ›Physis‹, das ›Aufgehende‹, sei gewaltsam? Ist Gewalt Natur? In dem Moment, da sie ausgeübt wird, entbirgt sie sich  – aber entbirgt sie damit zugleich auch ihr Geheimnis? Man denkt sich, weiterlesend, dass man in dieser erinnerten Heraklit-Formulierung vielleicht zu viel an Bedeutung sieht und schiebt sie zunächst beiseite, und dann kommt man zu Seite 137, wo es heißt: »Der ›Double-bind‹ liebt es, sich zu verbergen.« Also doch Heraklit. – – – ›Wasch mich, aber mach mich nicht nass‹, das ist so eine prototypische Double-bind-Formulierung, und sie zeigt – als Paradoxon –, wie sich in ihr Gewalttätigkeit verbirgt. Zorn bringt viele derartige, zum Teil sehr komplexe Beispiele in seinem Buch, nicht immer sind sie sofort sichtbar, das ist ein besonders geglückter Kunstgriff des Autors. ›Wasch mich, aber mach mich nicht nass‹ ist übrigens kein Beispiel aus dem Buch, aber doch passend, weil es mit der Leiblichkeit zu tun hat.

Gewalt gegen den Leib

Leiblichkeit ist zwar nicht das explizite Thema des Buches, allerdings richtet sich Gewalt, wie eingangs gesagt, immer gegen den Leib, auch dann wenn sie quasi psychologisch (wenn man so will: hinterhältig) vorgeht; die Psyche gehört ja zum Leib. In seinen experimentellen Reflexionen erwähnt Zorn das implizit. Dem Thema kommt man also nicht aus, und bei genauer Lektüre ist das auch der Struktur des Buches abzulesen. Denn wie bereits erwähnt, kann man die Kapitel 10, 14 und 18/19 als Säulen bezeichnen, die das Gerüst des Buches sind und seine Meditationen stützen. In Kapitel 10 »Der zwanglose Zwang der Gewaltfreiheit« (70–75) geht es um das Gespräch, um die Theorie der ›gewaltfreien Kommunikation‹, gegen die man eigentlich nichts haben kann, die aber oft genug so auftritt: »Entweder folgst du der Theorie, der ich folge, oder du kommunizierst gewaltsam« (72). Zorn beschreibt dieses Dilemma, das die ›Gewaltlosen‹ im Grunde nicht kapieren, sehr genau und ohne einen Ausweg daraus vorzuschlagen, denn: Es ist eines jener Kapitel, die in Fragen enden, also den Mitleser, die Mitleserin auffordern, selbst eine Anwort zu finden.

Die beiden Kapitel 18 und 19 spiegeln gleichsam Kapitel 10 – Zorn spricht von seinem Buch auch als von einem Spiegelkabinett. Hier geht es einerseits um das Phänomen des Sündenbocks (Kap. 18), andererseits um Folter (Kap. 19), also jeweils um eine Art der direkt gegen den Leib ausgeübten Gewalt, die knapp vor dem Mord kommt; wenn man das so sagen kann. Beides – jemanden zum Sündenbock zu machen und jemanden zu foltern – ist auf gewisse Weise ritualisiert, womöglich weil dem Gewalttäter seine Verantwortung abhanden gekommen ist: »Vielleicht ist dieses Selbstbild des irrationalen, von jeder Verantwortung entlasteten Menschen, der in einem Mob oder einem Pogrom, in der anonymen Masse Gräueltaten begeht, selbst nur ein Ersatz für eine tieferliegende, viel beuruhigendere Ursache unseres Handelns. Einer Ursache, die viel rationaler ist, als wir es wahrhaben wollen, und die deswegen immer wieder ersetzt wird durch eine Ursache, von der wir uns distanzieren können. Denn wer irrational handelt, tut es deswegen, weil er nicht weiß, dass er es tut.« (123)

Der Spiegel dieser beiden Reflexionen zur Leiblichkeit ist das zentrale Kapitel 14 »Erziehung zur Mündigkeit«. Hier – nicht nur hier, aber auf diesen Seiten ganz besonders (90–95) – erweist sich Daniel-Pascal Zorn als der humanistische Philosoph, als den man ihn in seinen Schriften bisher kennen gelernt hat. Hier widmet er sich dem Gewaltpotenzial, das dem Wechselverhältnis des Lehrens und Lernens inhärent ist, und beschreibt das in einem Absatz so: »Der Weg des Wissens und des Lernens setzt, so scheint es, ein Vertrauensverhältnis voraus, das selbst nicht durch Wissen und Lernen, sondern durch Gehorsam und Akzeptanz bestimmt ist. Nur wer die Zwangssituation des Schülers akzeptiert, solange man noch Schüler ist, kann den Weg gehen, der ihn zu einem Lehrer werden lässt. Und nur wer als Lehrer akzeptiert, dass er es besser weiß als die Schüler, dass die Schüler deswegen Schüler sind, weil sie dieses Wissen noch nicht besitzen, kann sie über das belehren, was sie brauchen, um irgendwann selbst Lehrer sein zu können.« (91) Dieser Absatz spricht eben NICHT einer hierarchisch vorgegebenen Besserwisserei das Wort, sondern betont vielmehr das »noch nicht«, ein »da kann noch etwas sein«: Die Schüler besitzen das Wissen »noch nicht«. Gewalt in diesem Fall wäre, im Wissen um dieses »noch nicht« die Schüler am Wissenserwerb, am Sein-Können zu hindern; sie an der noch auf sie zukommenden Mündigkeit, für deren Zustandekommen man als Lehrender die Verantwortung hat, zu hindern. Aus der Ferne winkt Kants Aufklärungsschrift, und das tut sie in jedem Satz dieses wunderbaren Buchs.

Die Gedankenexperimente

Wie bereits in seiner »Logik für Demokraten« sind Gedankenexperimente zentraler Bestandteil der Meditationen des Autors. Interessant und sehr anregend ist, dass viele aus der Populärkultur stammen: aus »Game of Thrones« etwa oder aus John Carpenters »Assault on Precinct 13« oder aus anderen Filmen wie »Matrix« oder »Soylent Green« und so weiter (man könnte hier etwa noch die Abel-Ferrara-Filme der 1990er-Jahre bis »The Funeral« hinzufügen). Dies hat, wie man lesen kann, nichts mit irgendwelchen ästhetischen Vorlieben des Autors zu tun (wenngleich man das natürlich nicht mit letzter Sicherheit ausschließen kann), sondern damit, dass sich in diesen Werken der Kunst gleichsam überdeutlich genau jene alltäglichen Gewalt-Phänomene zeigen, die Daniel-Pascal Zorn reflektiert. In all diesen Beispielen ist das wirksam, was Zorn in seiner Einleitung so formuliert: »Gewalt zielt auf ein Geheimnis, das der Gewalt einstweilen gar nicht zugänglich ist.« (15) An dieser Stelle so formuliert, mag man das durchaus als These des Buches verstehen, und Zorn stellt es einem auch frei, es so zu verstehen. Fruchtbarer für Lektüre und Verständnis des Buches aber ist es, diesen Satz nicht als These, sondern als deskriptive Vorgabe zu begreifen, um die sich all die populärkulturellen Gedankenexperimente ranken. Dazu zähle ich auch meine zwei Lieblingskapitel dieses Buches: 22 »Das große Nein« (es geht um die biblische Paradiesesgeschichte und Paolo Freires »Pädagogik der Unterdrückten«), und vor allem 25 »Illuminati«: In diesem hinreißend und perfekt formulierten Kapitel erklärt Zorn, wie Verschwörungstheorien funktionieren und warum sie im Grunde enorm gewalttätig sind. Dieses Kapitel ist Aufklärung pur. Es ist das ganze Buch ja in einem herausragenden Stil geschrieben, aber diese beiden Kapitel stechen in ihrer sprachlichen Genauigkeit heraus. Zorn ist Philosoph und Literat. Man könnte neidisch werden.

Fazit

Ähnlich den Bach’schen Goldberg-Variationen umkreisen die 28 Kapitel von »Das Geheimnis der Gewalt« das, wovon sie zu sprechen versprechen. Gleichzeitig aber arbeiten sie das Thema durch und zeigen es in seinen vielfältigen Aspekten. Das mag einem bei der Lektüre manchmal zu sehr vertraut vorkommen – man hat ja so seine eigenen Erfahrungen gemacht –, aber gerade das ist eine der vielen Stärken dieses Buches: Es regt einen an, das, von dem man glaubt, es eh schon immer verstanden zu haben, noch einmal und vielleicht anders als zuvor durchzudenken, um dann womöglich besser mit der Gewalt umgehen zu können. So gesehen hat der wahrscheinlich vom Verlag stammende (aber vom Autor wohl akzeptierte) Untertitel durchaus seine Berechtigung: »Warum wir ihr nicht entkommen & was wir trotzdem dagegen tun können«. Wie oben gesagt: Es ist unabdingbar, vor allem Einleitung und Schluss des Buches sehr genau zu lesen. Dann wird man diesen Schluss, der hier nicht verraten werden soll, weil er so schön einfach und schlüssig ist, verstehen.

»An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit.« So beginnt Heinrich von Kleist seine Novelle/Erzählung »Michael Kohlhaas«, ein Buch – ein Jahrtausendbuch –, in dem Gewalt im Zentrum steht. Rechtschaffen ist Kohlhaas, weil er als unbescholtener Bürger oder Untertan zu Recht gegen den obrigkeitlichen Missbrauch seiner Pferde, seines Eigentums, vorgeht. Entsetzlich ist er, weil er – in die Enge getrieben von der von der Obrigkeit ausgeübten strukturellen Gewalt – unter anderem dies tut: »Kohlhaas, der, beim Eintritt in den Saal, einen Junker Hans von Tronka, der ihm entgegen kam, bei der Brust faßte, und in den Winkel des Saals schleuderte, daß er sein Hirn an den Steinen versprützte, fragte, während die Knechte die anderen Ritter, die zu den Waffen gegriffen hatten, überwältigten, und zerstreuten: wo der Junker Wenzel von Tronka sei?« (Kleist: Kohlhaas, 30). Das Hirn »versprützte« an den Steinen: Hier findet die quasi abstrakte strukturelle Gewalt ihren leiblichen Ausdruck, von Kleist in diesen ebenso großartigen wie schmerzhaften Schachtelsatz gefasst. Die Sätze Daniel-Pascal Zorns in seinem Buch sind ähnlich genau und komplex und zudem sehr gut verständlich. Zorn ist Philosoph und dabei auch Schriftsteller. Seine 28 Kapitel von »Das Geheimnis der Gewalt« sind Prolegomena zu einer jeden künftigen Phänomenologie, die als Philosophie des Leibes wird auftreten können. Es ist eines der wichtigsten Bücher des Jahres, und darüber hinaus.

Im Text erwähnte Bücher

Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1984

Heinrich von Kleist: Sämtliche Erzählungen und andere Prosa, Stuttgart: Reclam 1984 [= UB 8232]

Jaap Mansfeld (Hg., Übers.): Die Vorsokratiker I, Stuttgart: Reclam 1983 (= UB 7965)

Daniel-Pascal Zorn: Logik für Demokraten, Stuttgart: Klett-Cotta 2017 (4. Auflage 2019)

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