Club 2 war keine Talkshow

Rezension von Oliver Weber: Talkshows hassen. Ein letztes Krisengespräch, Cotta/Tropen: Stuttgart 2019, 156 Seiten

Das Buch »Talkshows hassen«, das, um es vorweg zu sagen, ein wirklich tolles Buch ist, habe ich nicht wegen seines Titels gekauft, Stichwort »hassen« und so. Der Grund für den Kauf ist ziemlich simpel, wenngleich in Zeiten wie diesen vielleicht ungewöhnlich: Ich habe nämlich erst seit zirka zwei Jahren Zugang zu anderen Fernsehsendern als den österreichischen. Heißt: Deutsche TV-Talkshows kenne ich erst seit kurzem, ich bin sozusagen ein zivilisatorischer Nachzügler. Das ist aber gleich zu relativieren, denn ich habe seinerzeit im österreichischen Fernsehen den legendären »Club 2« (Dienstag und Donnerstag, meist ab 22:30), den Urahn aller modernen (politischen) »Talkshows« im deutschsprachigen Raum, sehr oft gesehen und also dann doch einen gewissen zivilisatorischen Vorsprung, denn selbst die mieseste Club-2-Diskussion damals war, im Nachhinein betrachtet, um Häuser besser als das, was einem in diesem Bereich von ARD, ZDF und wie sie alle heißen heute so im Durchschnitt zugemutet wird. Verwöhnt von der Erinnerung an den Club 2 habe ich gelernt, Talkshows zu hassen; aktuelle Talkshows im deutschen TV, aber auch etwa »Im Zentrum« auf ORF2. Dorthin werden ja oft Trotteln eingeladen, man glaubt es nicht. Und deswegen habe ich dieses Buch gekauft, denn Oliver Weber, den ich nicht kenne und der mich nicht kennt, beschreibt meinen Zorn sehr genau. Chapeau! – Nur um Missverständnisse zu vermeiden: Es sind Talkshows mit politischen Inhalten gemeint und nicht Gesprächsformate mit sozialpornographischer Perspekive wie etwa die »Barbara Karlich Show« oder »Stöckl« oder Ähnliches.

Der Autor Oliver Weber, Jahrgang 1997, ist noch Student, weswegen ihm hier gleich Respekt gezollt und zu diesem Buch herzlich gratuliert werden soll, denn sowas, das einen enormen Rechercheaufwand bedeutet, neben dem Studium zu schreiben – und in so hervorragendem Stil zu schreiben –, ist keine Kleinigkeit. Mit sprachlicher Akribie stellt er das Problem, das diese TV-Formate sind, dar und er bedient sich für den Aufbau seines Buches ganz offensichtlich eines altbewährten ciceronianischen Argumentationsmusters: Er strukturiert sein Buch gemäß einer klassischen vierteiligen Gerichtsrede. Auf das »exordium«, die Einleitung (Kapitel 1, Talkshows nutzen ihr Potenzial nicht), folgt die »narratio« (Kapitel 2, Talkshows thematisieren politische Probleme falsch), die den Sachverhalt genau umreißt, und dann die »argumentatio« der Kapitel 3 und 4, die sehr ausführlich und komplex ist (in Talkshows sitzen immer dieselben Personen; Talkshows haben das Diskutieren verlernt). Die eine Gerichtsrede abschließende »peroratio« heißt im Buch »Abspann«.

Genaueres aus dem Buch zu referieren, würde Spoilern bedeuten, weswegen ich das unterlassen werde – das Buch gehört einfach gelesen! –, aber zwei Dinge sollen auf jeden Fall erwähnt werden: Weber stellt eine ziemlich steile These auf, die er aber sehr gut begründet, und er geht auf eine raffinierte Weise mit dem in den aktuellen Social-Media-Zeiten omnipräsenten Begriff des Hasses um. Um gleich damit zu beginnen: Die gleichlautenden Kapitel-Titel folgen einer Begründungs-Struktur, zum Beispiel Kapitel 1: »Talkshows hassen, weil sie ihr Potenzial nicht nutzen«. Warum das raffiniert ist? Es heißt einerseits, ich, der Autor, hasse sie, weil … Es könnte aber andererseits auch heißen: Ihr sollt Talkshows hassen, weil … (da fehlte dann aber das Rufzeichen) – Wer glaubt, das Buch erschöpfe sich in dem in diesen Formulierungen enthaltenen moralisierenden Impetus, der im Grunde ja ein Ausweis von Schwäche wäre, ist schon in eine selbst gestellte Falle getappt. Denn »Talkshows hassen, weil …« kann auch heißen, dass es die Talkshows sind, die etwas hassen. Nur was wäre dieses »etwas«? Weber hat es herausgefunden. Damit bin ich bei der steilen These angelangt.

Talkshows hassen, vereinfacht gesagt, den demokratischen Diskurs, so die These. Sie tun so, als würden sie ein demokratisches Geschäft verrichten, befördern aber den heute zumeist von Hass geprägten öffentlichen politischen Diskurs. Weber merkt das immer wieder an, am deutlichsten vielleicht hier (Seite 115): »Eigentlich sollte die politische Diskussion die Königsdisziplin einer Demokratie sein.« – In den politischen Talkshows im deutschen Fernsehen findet aber das genaue Gegenteil statt, was der Autor mit einer Fülle von Beispielen belegt. (Es muss eine Qual gewesen sein, sich alldas in den letzten Jahren reinzuziehen!) Und hier Webers Begründung für seine steile These, die er anhand der Talkshow-Omnipräsenz der AfD, einer Partei der extremen Rechten in Deutschland, aufstellt: »Warum fällt es den Talkshows so schwer, ein brauchbares Konzept für den Umgang mit Rechtspopulisten vorzuleben? Vielleicht, weil sie einander zu ähnlich sind: Talkshows und Rechtspopulisten haben Mobilitätsstrukturen, die sich überschneiden. Beide teilen eine ähnliche Debattenlogik – vermutlich ohne das explizit zu wollen. Das geht weit darüber hinaus, dass Talk-Redaktionen gerne auf Provokationen aller Art aufspringen, Emotionen anheizen und komplexe Sachverhalte auf einfache Phrasen zuspitzen.« (Seite 108) Das Format einer Polit-Talkshow hat also – horribile dictu – Züge des Rechtspopulismus, seit ich deutsche TV-Sender empfangen kann und auch sehe, kann ich das nur bestätigen. Weber zeigt das detailreich an Beispielen von Auftritten von AfD-Politikern in solchen Diskussionsrunden (es sind immer dieselben Personen, die dorthin eingeladen werden, und sie sagen auch immer dasselbe). So arg die These ist, so gut begründet ist sie, kein Wunder, dass der Autor sich und uns gleich zwei Kapitel dazu gönnt, denn es gibt, wie gesagt, eine Überfülle an Belegen. Und eines muss man an dieser Stelle hinzufügen: Mit diesen Analysen will Weber den jeweiligen Moderatorinnen und Moderatoren nicht am Zeug flicken und ihnen eine politische Schlagseite nach Rechts unterstellen; eine ad-personam-Strategie liegt ihm so fern wie nur irgendwas. Sie können halt offenbar nicht aus der Haut des Formats, das sie sich anverwandelt haben. Man weiß nicht, soll man sie deswegen bedauern oder nicht.

Das lässt einen an der Sache orientierten und demokratisch gesinnten Leser einigermaßen beunruhigt zurück. Was tun, um das zu verbessern? Weber, ein offenbar gewiefter Autor, verweigert billig zu habende Antworten. Man muss sein Buch schon nicht nur genau lesen, sondern auch genau verstehen, denn dort, wo er die herrschende Praxis der Talkshows kritisiert – sprich: negativ bewertet –, sind implizit positive Aspekte enthalten, die so vielfältig sind, dass es fahrlässig gewesen wäre, (beispielsweise) einen Aspekt aus dieser Vielfalt herauszugreifen und zu präsentieren. Denn dann wäre die Gefahr groß, dass irgendwelche kleinen Medienlichter das dann als Königsweg für eine Verbesserung begreifen (die dann wohl eine Verböserung wäre). Webers Buch ist kein Ratgeber, sondern eine Aufforderung zum kritischen Denken – und das heißt immer: Selbstdenken.

Was man allerdings nicht aus dem Blick verlieren darf, sind die strukturellen Bedingungen, unter denen das Medium Fernsehen derzeit funktioniert: Der Club 2 des ORF war damals unter anderem deswegen so erfolgreich, weil er mit Open End ausgestrahlt wurde – es gab damals noch den Sendeschluss und danach das »Testbild« und das Weiße Rauschen. Man konnte sich also Zeit lassen beim Diskutieren über das jeweilige Thema, Demokratie braucht Zeit, unter den Bedingungen des neoliberalen Effizienzdiktats und des daraus folgenden Einschaltquotenfetischismus kann Demokratie nicht funktionieren. In Zeiten enger Sendeschemata scheint sowas aber kaum möglich zu sein. Aber wer weiß, vielleicht ändert sich das einmal. Es gab mal einen spannenden Club 2 (Thema vergessen, irgendwas Sozialpolitisches, Nenning oder Holl war Gastgeber, glaub ich), der hat knapp drei Stunden gedauert. Hach, das wäre doch wieder mal was, oder?

»Talkshows hassen – Ein letztes Krisengespräch« von Oliver Weber ist ein ebenso dicht wie hervorragend und amüsant geschriebenes Buch, ausgezeichnet begründet und gewissenhaft recherchiert. Es verdient sich möglichst viele Leserinnen und Leser. Höchste Kaufempfehlung!

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