Die nicht fest-stellbare Gegenwart

Einer meiner Linzer Studenten, Michael Ehrenbrandtner, schreibt gerade an seiner Master-These (Betreuung: Tina Frank) zum Thema Zeit und visuelle Gestaltung von Zeit. Um verschiedene denkerische Zugänge auszuloten und zu reflektieren, hat er mehreren Menschen einen Fragebogen zugesandt, so auch mir. Der hier zu lesende Text, den ich ihm als Antwort und zur freien Verwendung in seiner Abschlussarbeit geschickt habe, ist das Ergebnis meiner Beschäftigung mit jenem Fragebogen und mit Michaels Anliegen.

(für Michael Ehrenbrandtner)

Es ist unmöglich, einen Fragebogen zu beantworten, der sich mit dem Phänomen der Zeit beschäftigt und von einem wissen will, wie man mit Zeit umgeht. Das liegt nicht an den Fragen, es liegt daran, dass die Zeit, so gestaltlos wie sie ist, kaum zu fassen ist. Deswegen ist es auch kaum möglich, Zeit zu definieren. Wenn zum Beispiel die Naturwissenschaften das versuchen – und es gehört zu ihren Aufgaben, das zu tun –, dann erfassen sie bloß einen Aspekt des Gesamtphänomens; meist ist das die Linearität der Zeit. Der lineare Verlauf der Zeit lässt sich noch am leichtesten definitorisch fassen. Aber er ist bloß ein Aspekt von vielen. Das ist zu wenig und erklärt im Grunde gar nichts. Zeit lässt sich nicht auf ihren Ablauf reduzieren. Es gibt ein gerne und oft wiedergegebenes Zitat des Augustinus (Confessiones XI-14 [Übers. Kurt Flasch]):

»Was also ist die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich es; wenn ich es jemandem auf seine Frage hin erklären will, weiß ich es nicht. Dennoch behaupte ich, dies mit Sicherheit zu wissen: Ginge nichts vorüber, gäbe es keine vergangene Zeit; käme nichts auf uns zu, gäbe es keine zukünftige Zeit; wäre überhaupt nichts, gäbe es keine gegenwärtige Zeit.«

Abgesehen davon, dass Augustinus hier das lineare Vergehen der Zeit meint, ist der erste Teil der Antwort am bemerkenswertesten: »… wenn niemand mich darnach fragt, weiß ich es …«. – Jeder Mensch erfährt Zeit, sie ist uns selbstverständlich. Wir kennen sie, wir wissen mit ihr umzugehen. Das heißt, über Zeit zu sprechen bedeutet über Erfahrung zu sprechen, allerdings nicht über Erfahrung in einem rein subjektiven Sinn – obwohl Erfahrungen ja stets persönlich sind –, sondern über Erfahrung überhaupt. Immer dann, wenn wir das tun, werden jene Aspekte offenbar, unter denen sich Zeit uns zeigt.

Das wunderbare Zagreber »Museum of Broken Relationships« versammelt Objekte, die Menschen, die eine Trennung von wem oder was auch immer zu verarbeiten hatten, dem Museum geschickt hatten, und zu jedem dieser Trennungsobjekte hat der jeweilige Leihgeber eine Geschichte verfasst, die gemeinsam mit dem Objekt ausgestellt ist. Ein Ding mit bemerkenswerter Geschichte ist eine stehengebliebene silberne Armbanduhr. Die Geschichte dazu lautet wie folgt:

»Silberuhr

September 2002 – Mai 2005

Bloomington, Indiana

Das erste Mal, als mir mein Ex sagte, dass er mich liebt, nahm er mir die Uhr vom Handgelenk und zog die Aufwindschraube raus, um den Moment zu markieren, als er diese Worte aussprach. Danach konnte ich mich nie dazu bringen, sie zurückzuschieben oder diese Uhr zu tragen. Hätte ich aber damals gewusst, dass er mir nur die Zeit rauben wird, hätte ich sie gleich zurückgeschoben, anstatt zu viele Jahre zu warten, dass mein Leben wieder anfängt.«
(Auf Deutsch nur im Museums-WLAN via QR-Code abrufbar, in der Ausstellung auf Kroatisch und Englisch zu lesen.)

So weit die Geschichte dieser anonymen Dame aus den USA. Ihr Liebhaber wollte den Zeitpunkt der Liebeserklärung gleichsam symbolisch fest-stellen, in welchem er auf dem Zeitmesser die Zeit anhielt. Das bedeutet, dass die Uhr nun nicht mehr in Gestalt einer kreisförmigen Bewegung die Zeit anzeigt. Für die Beziehung zwischen der Frau und dem Mann in der Geschichte bedeutet das, dass durch den symbolischen Akt des Anhaltens der Zeit – etwas, das von vorneherein nicht möglich ist – der Wunsch ausgedrückt wird, die Liebe möge ewig dauern, auch weil durch das Fixieren eine Erinnerung an die Liebeserklärung konserviert werden soll. Wie es scheint, hat das aber nicht auf Gegenseitigkeit beruht: Der skeptische Ton der kurzen Erzählung mag das belegen. Überhaupt kann man über die darin skizzierte Beziehung kaum etwas sagen. Was man aber mit Sicherheit sagen kann, ist, dass in dieser Geschichte die vier wesentlichen Aspekte des Phänomens Zeit enthalten sind: die lineare Zeit, die zirkuläre Zeit, der (geglückte) Moment – die alten Griechen nannten das den »kairós« – und die Ewigkeit (altgriechisch: »aión«). Die lineare (Lebens-)Zeit, die einem zirkulären Rhythmus folgt (Tag-Nacht-Abfolge, Jahreszeiten etc.), wird künstlich angehalten, womit ein Verweis auf das Ewige ausgedrückt werden soll. Der Witz daran ist – und das ist eines der wichtigsten Momente des Phänomens Zeit –, dass diese vier wesentlichen Aspekte NICHT getrennt voneinander betrachtet werden können. Das macht das Nachdenken über die Zeit so schwierig und anspruchsvoll.

Das deutlich spürbare Unbehagen, das den Text der Leihgeberin prägt, ist nicht alleine eines, das ihrer offenbar nicht besonders geglückten Beziehung geschuldet ist. In ihrem Text drückt sich auch aus, dass der symbolische (vielleicht »romantisch« gemeinte) Akt des Zeitanhaltens durch ihren Liebhaber nicht dem entspricht, was die allgemeine Zeiterfahrung ist. In der Rückschau – die Beziehung endete vor sieben Jahren – hat sie diese willkürliche Gleichsetzung von kairós und aión als Zeitraub empfunden. Offenbar hat sie diese Beziehung so sehr als nicht erfüllend erlebt, dass sie nun an all jene Aspekte denkt, mit denen man Zeit eben nicht hinreichend charakterisieren kann: Nutzen, Warten, Langeweile, Anfangen und so weiter. »… hätte ich [die Aufwindschraube] gleich zurückgeschoben …« – ja, was wäre dann gewesen? Dann hätte sie die Zeit vielleicht besser nutzen können; dann hätte sie vielleicht nicht warten müssen, dass etwas passiert; dann wäre ihr vielleicht nicht fad gewesen; dann wäre vielleicht die Frage nach dem Anfangen nicht aufgetaucht. Vielleicht. Niemand kann das wissen. Weder im Vorhinein noch im nachträglichen Konjunktiv. Es geht also nicht darum, die Zeit in ihrer Gestalt wie ein Ding zu erfassen – sie hat offenkundig keine Gestalt –, sondern im Hier und Jetzt, in einer nicht durch eine Schraube fest-stellbaren Gegenwart eine Erfahrung mit der Zeit zu machen. Auch wenn Zeit mit Raum untrennbar verbunden ist, so kann man sie – analog zum Raum – nicht als ein beliebig anfüllbares Gefäß begreifen. Jedes Gefäß hat eine Form, die Zeit nicht. Wenn man so will, und das wäre eine metaphorische Rede, kann man sagen: Die »Form« der Zeit ist Erfahrung überhaupt.

Das Beispiel der Geschichte aus dem Zagreber Museum zeigt: Auch wenn Zeit etwas ist, das jeden einzelnen Menschen betrifft, so gibt es bei aller Gemeinsamkeit auch immer etwas ganz Individuelles, wenn wir Zeit erleben, wenn wir sie erfahren. Zeit begegnet uns unausdrücklich, das heißt sie ist zwar permanent präsent, drängt sich aber nicht auf. Wenn wir etwas erleben, etwas erfahren, dann widerfährt uns das. Etwas zeigt sich uns, so wie es ist, und indem wir es wahrnehmen, nehmen wir nicht nur unsere eigene Offenheit wahr, sondern sind auch auf Zeit hin entworfen (wie Martin Heidegger es vielleicht ausdrücken würde). Jede Widerfahrnis, die ein einzelner Mensch erlebt, ereignet sich plötzlich, in einem kurzen Moment der Zeit. Dann – und nur dann – kann man vielleicht davon sprechen, der Zeit eine sichtbare Form gegeben zu haben. Sie ist aber je schon vergangen. Und so verspüren wir die Notwendigkeit, diese Erfahrung der Zeit für uns zu deuten – und die Deutung anderen mitzuteilen. Wenn diese Deutung den Weg der künstlerischen Visualisierung geht, dann wird Zeit nicht erfahrbar, aber es wird auf sie verwiesen. Die Geschichte der Kunst ist voll von Beispielen, die das belegen. Eine echte künstlerische Deutung von Zeit ist möglicherweise nur in der Musik erfahrbar. Eine Erfahrung aber von Zeit überhaupt – eine ursprüngliche und wesensmäßige Erfahrung – scheint somit primär dem Sinn des Fühlens, der die Kontaktsinne des Riechens, Schmeckens und Tastens umfasst, zugänglich zu sein.

Einen geliebten Menschen zu umarmen und von ihm umarmt zu werden ist Erfahrung von Zeit überhaupt. Nicht die Fest-Stellung der Zeit an einem Apparat, sondern das Fühlen und Spüren purer Gegenwart von wem und was auch immer ist Erfahrung von Zeit überhaupt.

Dieser Beitrag wurde unter Aufsätze und Feuilletons veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.