»Menschheit«

Eine Detail-Aufnahme.

Am 18. Juni 2011 erschien in der österreichischen Tageszeitung »der Standard« in der Beilage »Album« auf Seite A12 ein Feuilleton des Titels »Wie ist es, ein Flüchtling zu sein?« Geschrieben hat es die Schriftstellerin Julya Rabinowich, und – so viel sei vorweggenommen – der Text ist besonders lesenswert! Er beschreibt konzis und argumentiert stringent; seinen Darstellungen ist nichts hinzuzufügen. Ein Detail sei aber doch erwähnt. Rabinowich erzählt kurz, dass in Herkunftsländern von Menschen, die nach Europa flüchten, auf Konvois ebendieser Flüchtlinge aus dem Hinterhalt geschossen würde. Und das sei ein »Verbrechen wider die Menschheit«.

»Menschheit«, diese Wortwahl der Autorin ist auffällig, denn in der angeführten formelhaften Gestalt hört und liest man eigentlich immer »Verbrechen wider die Menschlichkeit«. »crime against humanity« oder »crime contre l’humanité«, das sind die völkerrechtlich normierten Begriffe des Londoner Statuts für den internationalen Militärgerichtshof, das im August 1945 anlässlich des Nürnberger Prozesses gegen die Nazi-Verbrecher geschaffen wurde. Nun kann man »humanity« ebenso wie »humanité« sowohl mit »Menschlichkeit« als auch mit »Menschheit« übersetzen. Aber was meint »Menschlichkeit«?

Es ist eine alte Debatte – u.a. Hannah Arendt hat sie geführt – darüber, welches der beiden in Frage kommenden deutschen Worte geeigneter sei. Es ist kein Streit um Worte, um Abstrakta, um etwas Lebensfernes. Kann es nicht sein, dass »Menschlichkeit« aus »Menschheit« sozusagen hergeleitet ist? Dass »Menschheit« das grundlegende Phänomen beschreibt? Dass »Menschlichkeit« eine möglichst allgemeine Bezeichnung ist für ein ethisches Verhalten, das auf Erfahrung und Erkenntnis von Mensch-sein beruht; jemeiniges Mensch-sein und das Mensch-sein des anderen? Das Londoner Statut spezifiziert in seinem Artikel 6c, was »against humanity« ist. Alles, was dort angeführt ist, betrifft Leib und Leben. Unter anderem kraft meines Leibes bin ich Mensch, wobei m.E. das, was man mit »Seele« bezeichnet, dazugehört; detto »Geist«. Das gilt für jeden Menschen.

Wenn man das Beispiel von Rabinowich in diesen Zusammenhang bringt, dann stellt sich die Frage: Wenn Grenzpolizisten aus dem Hinterhalt auf mich schießen, wogegen verstoßen sie dann? Gegen die Menschlichkeit? Wäre es menschlicher, wenn der Grenzpolizist nicht aus dem Hinterhalt, sondern von Angesicht zu Angesicht auf mich schießt? Ein anderes Beispiel: Wogegen verstößt die italienische Küstenwache, wenn sie überfüllte Flüchtlingsboote vor Lampedusa kentern lässt? Wäre es menschlicher, wenn sie die Bootsinsassen vorher mit Trinkwasser labt? Oder, um zuletzt ein Beispiel aus der Nazizeit zu bringen: Wäre der millionenfache Massenmord menschlicher gewesen, hätte man die Opfer vorher betäubt? – Nein ist die Antwort in allen drei angeführten Verbrechensfällen, weil es eben um das Mensch-sein geht und nicht um ein irgendwie kulturell gefasstes Menschlich-sein, das sich rechtlich womöglich irgendwie relativieren lässt. Wer einen Menschen tötet, tötet die Menschheit, wer einem Menschen nicht hilft, versagt der Menschheit die Hilfe. Wer hingegen einen Menschen dabei unterstützt, zu einem ungestörten Austrag seines Daseins zu kommen, tut etwas für die Menschheit. »Menschheit« ist ein Wesens- und kein quantitativer Begriff.

Die Ethik kennt einen Satz, die »Goldene Regel«: Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Barack Obama hat am Schluss seiner berühmten Rede in der Universität von Kairo vom 4. Juni 2009 für dieses uralte Gebot erneut eine gleichsam interkulturelle, völkerverbindende Universalität beansprucht. Freilich hat er – mit entsprechenden Zitaten untermauert – aus aktuellem Anlass die Religionen gemeint; jede Religion ist eine kulturelle Manifestation. Und es ist klar, dass etwas, das man als Regel bezeichnet, eine gesellschaftliches Zusammenleben organisierende Funktion hat. Das gilt auch für den Kategorischen Imperativ Kants, in dem ja von »Gesetz« die Rede ist. Diese beiden bekannten Menschlichkeitsmaximen – die Goldene Regel und der Kategorische Imperativ – beziehen sich gerade in ihrem Universalitätsanspruch auf »Menschheit«.

Julya Rabinowich ist für ihre Wortwahl zu danken. Es ist bezeichnend, dass es eine Schriftstellerin ist – sie arbeitet überdies als Dolmetscherin für Flüchtlinge –, die diese längst fällige Korrektur vornimmt. Menschheit ist Menschlichkeit vorgeordnet und die bessere, weil das Phänomen treffende Übersetzung für den völkerrechtlichen Begriff »humanity«/»humanité«. Das deutsche Bundesverfassungsgericht hat am 9. Februar 2010 in einem richtungweisenden Urteil eine Art Grundrecht auf ein menschenwürdiges Existenzminimum definiert, das genau diese Begriffs-Differenz »Menschheit : Menschlichkeit« Ernst nimmt. Damit wäre auch das defätistische Wort vom »Wirtschaftsflüchtling« wenn schon nicht abgeschafft, so der Sache nach obsolet geworden. Es wird wohl lange dauern, bis sich das durchsetzt. Aber das ist eine andere Geschichte.

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