Das Wirkliche wollen

Über den Hausverstand und seine Feinde (Teil 1)

Barbara Ehrenreich hat ein Buch geschrieben, das das gesellschaftliche Phänomen des »positiven Denkens« kritisch hinterfragt: »Smile Or Die. Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt« (Verlag Antje Kunstmann 2010, übersetzt von Gabriele Gockel und Barbara Steckhan vom Kollektiv Druck-Reif). Schon der Untertitel zeigt, dass es sich um eine Polemik handelt, allerdings um eine, die nicht nur brillant geschrieben (und übersetzt!) ist und von einer zutiefst humanistischen Haltung getragen wird, sondern auch für derartige Aufklärungsliteratur selten gut begründet ist. Es mag sein, dass das Buch sich zu sehr auf die US-amerikanischen Verhältnisse konzentriert, aber das kann nicht ernsthaft als Kritik vorgebracht werden, denn das hieße, der Autorin ihr US-Amerikanerin-Sein vorzuhalten. Mit ein wenig Abstraktionsvermögen und Rückbesinnung auf die eigene kulturelle Einbettung wird es nicht schwierig sein, die implizite These des Buches zu verstehen und seinem stringenten Gedankengang zu folgen.

Das Positive und die Wirklichkeit

Wer Positives will, wird Positives anziehen. Anders gesagt: Wer Gutes will, wird Gutes anziehen. Auf diesen Nenner kann man nach Ehrenreich den Grundgedanken des »positiven Denkens« bringen. Zugleich drängt sich folgende Frage auf: Wie können Abstrakta wie »positiv« und »gut« magnetisch sein? – Das ist weder Metapher noch Polemik, sondern das sagt einem das, was man in Österreich den »Hausverstand« nennt. Das »positive Denken« behauptet, dass durch so eine Anziehung das persönliche Leben verändert werden kann, natürlich positiv. Die dabei notwendig mitzudenkende, aber von den Vertretern des »positiven Denkens« beharrlich verdrängte Voraussetzung ist, dass es so etwas wie eine nur teilweise zu beeinflussende Realität gibt, und die sei per se schlecht. Mit Hilfe des »positiven Denkens« schafft man sich eine eigene Realität, die auf die verdrängte – ganz ohne sie gehts dann doch nicht – verändernd rückwirkt; im Sinne des eigenen Wollens, und das ist natürlich immer positiv. Ehrenreich schreibt: »Die Empfehlung, unser Umfeld zu verändern – wie zum Beispiel durch die Trennung von negativen Menschen und das Ausklammern schlechter Nachrichten –, ist zugleich das Eingeständnis, dass es dort draußen tatsächlich eine ›reale Welt‹ gibt, die durch unsere Wünsche in keinster Weise zu beeinflussen ist. Aus dieser erschreckenden Tatsache lässt sich nur eine ›positive‹ Konsequenz ziehen, nämlich sich in seine eigene sorgfältig konstruierte Welt der ständigen Zustimmung und Bestätigung, der schönen Nachrichten und lächelnden Menschen zurückzuziehen.« (72)

Ich krieg, was ich will

»Wenn man positiv denkt und sich einen Job, um den man sich bewirbt, auch wirklich wünscht, ihn wirklich will, dann wird man ihn auch bekommen.« So oder ähnlich formulieren die Anhänger des »positiven Denkens« ihre Einstellung etwa angesichts der konkreten Herausforderung der Arbeitssuche. Das klingt gut, sympathisch, motivierend. Es ist zwar nicht ganz klar, wie diese gedankliche Beeinflussung der realen Welt technisch zu vollziehen ist, aber es gibt ja so viele Menschen, die arbeiten, die einen Job haben. Also müssen sie ihn gewollt haben; deswegen bekommen haben. Bevor die hinter derlei Aussagen stehende Überlegung geprüft werden soll, zwei kurze Geschichten.

(1) Ein bekannter österreichischer Universitätsprofessor hat sich binnen zehn Jahren um ca. 20 Professuren beworben und ist immer in die Endausscheidung, den sogenannten Dreiervorschlag, gekommen. Solche Jobs gibt es nicht wie Sand am Meer, insoferne ist seine Bewerbungs- und vor allem die Endausscheidungsfrequenz sehr beachtlich. Bis es endlich funktioniert hat, wurde er immer abgelehnt. Der Grund dafür ist ebenso interessant wie für die Anhänger des »positiven Denkens« schwer zu verdauen: die Frauenquote. Jedesmal war es so, dass es im Dreiervorschlag gleichqualifizierte Frauen gab, und die waren – so die teilweise sogar gesetzliche Vorgabe – zu bevorzugen. Das heißt, es gab reale Vorgaben, die die jeweiligen Berufungskommissionen berücksichtigen mussten (übrigens immer noch müssen), und auf die ein Bewerber keinen Einfluss hat. Ein »Wirklich-Wünschen« oder »Wirklich-Wollen« geht somit ins Leere. Nebenbei: Um jene Professur, die der erwähnte Mann nun seit etlichen Jahren endlich bekleidet, hatte sich keine Frau beworben.

(2) Eine Werbetexterin bewirbt sich um eine ausgeschriebene Texterstelle. Die ist doppelt attraktiv: einerseits gibt es die Option, diesen Job zu einer Kreativdirektion auszubauen, andererseits geht es um einen neuen, großen Etat, den die ausschreibende Werbeagentur gewonnen hat. Die Agentur und die Bewerberin einigen sich, das heißt die Agentur entscheidet sich für sie, jedoch: Am Tag der geplanten Arbeitsvertragsunterzeichnung sagt die Agentur ihr ab. Ohne neuen Etat kein zusätzliches Budget, ohne zusätzliches Budget keine neuen Stellen, denn: Der Kunde mit dem neuen Etat hat sich kürzestfristig für eine andere Agentur entschieden. Welche das ist, wird zwar nicht bekanntgegeben (Konkurrenz!), sickert aber trotzdem durch. Die Texterin bewirbt sich auch dort und wird nicht einmal zu einem Gespräch eingeladen. Hat sie den Job nicht wirklich gewollt, hat sie ihn sich nicht wirklich gewünscht? Ist nicht vielmehr etwas geschehen, auf das sie keinen Einfluss hat?

»Positives Denken« ist negativ

Diese Beispiele beabsichtigen nicht, die Frauen-Gleichstellung in Frage zu stellen – im Gegenteil: genauso wie beschrieben muss es in den Prä-Gleichstellungszeiten weiblichen Bewerbern gegangen sein. Die Beispiele wollen auch nicht die Möglichkeit des Kapitalismus kritisieren, wider die Anstandsregeln vollzogene, kurzfristige, wirtschaftlich begründete Entscheidungsänderungen zu gestatten. Sie wollen nur sagen: That’s life! Das ist kein Fatalismus, das ist nicht negativ, sondern das ist Realismus pur. Was ist, ist real. Das ist banal, aber es stimmt. Es gibt nichts Positiveres als die Realität, besser: Wirklichkeit. Da wir alle hier und jetzt und real leben, müssen wir uns mit dem, was uns begegnet oder widerfährt (»widerfahren« ist – wörtlich verstanden und philosophisch gelesen – eben kein negativer Begriff) auseinandersetzen. Diese Auseinandersetzung verlangt intellektuelle Anstrengungen, Mühen, die nicht allein auf die Wirklichkeit, sondern auch auf einen selbst bezogen sind. Das heißt, die Richtschnur für das, was ich will, bin immer ich; aber wenn das, was ich will, mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat, dann bin ich verloren, weil ich meine Offenheit bezüglich der Wirklichkeit aufgegeben habe. Es gibt also immer beides: mich und die Welt, in der ich lebe. Die kann man nicht ignorieren: Ich muss sie nehmen, wie sie ist, und ich muss sie für mich deuten. Die Vertreter des »positiven Denkens« versuchen aber Gegenteiliges: die Welt auzublenden. Das ist negativ.

Warum sie das tun, ist nicht genau auszumachen. Hier leistet das Buch von Barbara Ehrenreich wertvolle Aufklärungsarbeit, vor allem das historische Kapitel, das die Wurzeln des »positiven Denkens« in der (übrigens negativen) calvinistischen Ethik findet, ist sehr aufschlussreich. »Sapere aude« (»Wage zu wissen«, Horaz, Epist. I,2,40), von Kant in seiner Aufklärungsschrift mit »Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen« formuliert, ist die Folie, vor deren Hintergrund Ehrenreichs Buch geschrieben ist. Denn um Verstandesgebrauch scheint es dem »positiven Denken« nicht zu gehen. Vielmehr geht es darum, besinnungslose Mitglieder einer kapitalistischen Gesellschaft heranzuziehen, deren Hauptaufgabe und wichtigster Seinsgrund es ist, zu funktionieren. Um das zu erzielen, werden alle manipulativen Register gezogen. Schon die erklärte Absicht, »positiv« zu denken, enthält implizit, dass die, die das nicht tun, negativ denken und sind. Nur: Dieser Umkehrschluss ist nicht zulässig. Denn ein relativierender Verweis auf die unhintergehbare bzw. nicht transzendierbare Wirklichkeit ist per se positiv: Wer von den Adepten »positiven Denkens« als Negativling apostrophiert wird, mahnt eigentlich bloß den fehlenden Realitätsbezug ein. Dass man ohne die Wirklichkeit nicht auskommen kann, sagt einem der »gesunde Menschenverstand« oder anders: der Hausverstand. Skepsis und Kritik – übrigens zwei per definitionem kreative Haltungen – sind unerwünscht im »positiven Denken«.

Das Wirkliche wollen

Es ist zugleich schwierig und leicht, das Wirkliche zu wollen. Das Wirkliche: das, was wirkt; was auf mich wirkt; was mich verändert; was aber auch ich verändere, indem ich wirke. Sowas kann man »leben« nennen. Die Konstruktion einer eigenen Wirklichkeit, über die ich die vollständige Verfügungsgewalt habe, scheint das erklärte Ziel der Ideologie des »positiven Denkens« zu sein. Daraus spricht ein gehöriges Maß an Angst und Unsicherheit, und es entspricht im Übrigen fatal dem Krankheitsbild der schizophrenen Psychose: Selbst wenn ein »positive thinker« objektiv falsch liegt, wird er aufgrund seiner konstruierten subjektiven Gewissheit von seinem Standpunkt nicht abrücken. Er mag vorgebrachte Gegenargumente zwar verstehen, aber er wird sie nicht berücksichtigen und keinesfalls von seiner Vorstellungswelt abrücken: Er hält sich für auserwählt. Ehrenreich konstatiert dieses Verhalten insbesondere an den Fondsmanagern und anderen Berufsoptimisten und Effizienzfanatikern im Finanzbereich und macht die Ideologie des »positiven Denkens« für die aktuelle Wirtschaftskrise verantwortlich. Das mag überzogen erscheinen, aber wenn man sich die in dieser Ideologie kursierende Grundregel vergegenwärtigt, nämlich »Was immer Sie für wahr erachten, ist wahr« (84, passim), dann versteht man besser: Wenn das, was ich für wahr halte, dazu beiträgt, dass sich mein Portemonnaie auch wirklich füllt, dann ist es wirklich wahr; und ich werde es deswegen wollen und mich nicht davon abbringen lassen. Ob das auch moralisch gut ist, diese Frage ist nicht zugelassen. Insoferne sind die Darstellungen in Ehrenreichs Buch nicht nur eine Warnung vor modernem Sektierertum, sondern auch ein Plädoyer für einfachen (Haus-)Verstandsgebrauch und für eine Erneuerung der Moral. »Positives Denken« versucht, eine beabsichtigte Verwechslung von »positiv sein« (ein Pleonasmus) und »positiv (= gut) handeln«, sprich: von »sein« und »handeln«, oder von »sein« und »sollen« zu etablieren. Seit zweieinhalb Jahrtausenden wissen wir, dass das Unfug ist.

Abschließend noch ein Wort zum Stil des wie schon erwähnt polemischen Buches. Barbara Ehrenreich hat offensichtlich aus persönlicher Betroffenheit über »positive thinking« kritisch nachgedacht. Das erste Kapitel ist ihren Erfahrungen in einer Brustkrebs-Selbsthilfegruppe gewidmet. Es ist der Autorin hoch anzurechnen, dass sie den dort erlebten Zumutungen zum Trotz zu einem sachlichen und zugleich pointierten essayistischen Stil gefunden hat. Vieles, was sie beschreibt und trefflich analysiert, hat eine so vornehme sprachliche Behandlung eigentlich nicht verdient – was auch ein Verdienst der Übersetzerinnen ist. Es gäbe stärkere, deftigere Worte zur Darstellung des »positiven Denkens«. Schon das Faktum, dass sie sich solche Worte verkniffen hat, muss den Vertretern dieses, äh: Denkens den Wind aus den Segeln nehmen. Denn Ehrenreich ist immer positiv.

© Martin Ross, 22. 9. 2010

Kants Aufklärungsschrift

Kollektiv Druck-Reif

Verlag Antje Kunstmann

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