Kritik der verschneiten Vernunft

Über die Ausstellung »Wir verbessern Ihre Arbeit« in der Berliner Galerie Sandra Bürgel

Seit es das Phantasma des »erweiterten Kunstbegriffs« gibt, kann man in den Galerien und Ausstellungshäusern einiges erleben. Seinesgleichen geschieht derzeit (30. 4. – 6. 6. 2009) in Berlin in der Galerie Sandra Bürgel. Unter dem Titel »Wir verbessern Ihre Arbeit / We Improve Your Work« verspricht die verantwortliche Künstler/Kuratorentruppe Instituto Divorciado eine »Empirical Show On Artistic Ego And Imposed Value Judgments«. Ganz im Stil von gewieften Werbetextern wird hier die Doppelbedeutung von »work« zelebriert, und man legt sich marketingmäßig nicht auf eine Bedeutung fest: Werk oder Arbeit? Denn der einladende Titel enthält in seiner deutschen Variante den Terminus »Arbeit«, was durch den Kunstkontext allerdings durch die Analogie »EINE Arbeit« = »Kunstwerk« zu »Werk« führt. Und dann der Gedanke: Kann man ein Kunstwerk verbessern? Natürlich nicht, jede und jeder weiß das, denn ein Kunstwerk ist vollendet und deswegen so, wie es ist (übrigens auch Spoerris Rasensofa …), und wer es zu verändern versucht, macht eben ein anderes daraus. Die Neugier aber bleibt: Instituto Divorciado hat eine Verbesserung versucht. Diese Absicht ist jedenfalls interessant. Das Ergebnis ihrer Ausstellung ist es nicht.

36 international tätige Künstlerinnen und Künstler wurden eingeladen, je ein Kunstwerk herzugeben, damit es die beiden Künstler/Kuratoren Diego Fernandez und Ivan Navarro »verbessern« bzw. wie ihre Einladung erklärt, wird es »altered by the organizer«. Wer eine Veränderung hinsichtlich der Qualität verspricht – nichts anderes besagt der Begriff der Verbesserung –, der muss dies überprüfbar machen, damit man sich über das Gelingen (oder Nicht-Gelingen) solcher Verbesserung ein Urteil bilden kann. Das bedeutet im vorliegenden Fall: Die »Verbesserung« der zur Verfügung gestellten Kunstwerke muss SICHTBAR gemacht werden. Diese Sichtbarkeit ist ausschließlich durch eine Gegenüberstellung zum Zwecke des VERGLEICHS zu erzielen. Das allerdings verhindert die Ausstellung, denn: alle Kunstwerke, also die Originale der »präsentierten« Künstlerinnen und Künstler sind mit einer monochromen Farblackschicht überzogen. Anders gesagt: In der Galerie Sandra Bürgel befinden sich monochrome Gemälde und einige wenige monochrom bepinselte Skulpturen. Keines dieser Werke stammt von Instituto Divorciado. Dieses hat vielmehr die Werke der Autorinnen und Autoren durch Überpinselung zum Verschwinden gebracht. Erweiterte Kunst eben.

Es ist naiv, ein Original sehen zu wollen

Fernandez und Navarro haben also schlicht die in der Galerie lange vor Beginn der Ausstellung abgelieferten Werke mit verschiedenen Farben monochrom bepinselt, ohne dem Publikum die Gelegenheit zu geben, die versprochene Verbesserung, deren Wahrnehmung eben nur durch den Vergleich mit dem Original zu erzielen ist, erkennen zu können. Sie haben vielmehr die ihnen zur Verfügung gestellten Werke zerstört. Sie haben die Erkenntnis zerstört, also im Sinne Kants antiaufklärerisch gehandelt. Auf die Diskrepanz zwischen Vergleichen und Zerstören aufmerksam gemacht, antwortete Fernandez: »If we had done this [also: vergleichen; MR], it would have been another show.«

Selbst dann, wenn IRONIE im Spiel gewesen sein mag, also wenn zwischen die applizierte Lackfarbschicht und die Oberfläche des Originals irgendeine das Original rettende Schicht eingezogen worden sein mag (die man dann spätestens am 6. Juni 09 mitsamt der Farbe ablösen könnte), selbst dann ist das Werk zerstört: denn die so »abgesicherte«, Überpinselungsfarbe hat mit den Originalen und deren künstlerischen Prinzipien nichts zu tun. Das beweist das verschämt und lieblos aufgehängte Plakat im Bürobereich der Galerie, auf dem die überpinselten Originale vor dem Eingriff extrem verkleinert reproduziert sind. Was bleibt, ist zweierlei: Entweder die Werke sind zerstört – dann ist das eine von der Galerie gebilligte Sachbeschädigung; oder sie sind es nicht – dann ist die Aktion dieser Gruppe eine Verachtung der im guten Glauben partizipiert habenden Künstlerinnen und Künstler und natürlich des Publikums.

Auf die Frage »Why don’t you provide comparison« antwortete einer der bei der Vernissage anwesenden Künstler/Kuratoren, »because it is naive«. – So leicht geht das! Und weiter: »The originals are not existing any more, because they were altered by us. They improved.« Frage dazu: »So it was necessary to destroy them?« – Antwort: »Yes. But they improved when being destroyed.« Und auch auf den Einwand, dass es Politik von George W. Bush gewesen wäre, durch Zerstörung den Irak zu verbessern, gab es nur ein achselzuckendes »Yes, that’s the way it is«. Exponenten des »erweiterten Kunstbegriffs« fühlen sich »links«, »kritisch«, »zynisch« usw., sind aber offensichtlich politisch indifferent. Es gibt Diskursdominatoren des deutschen Feuilletons, die meinen, dass Zynismus heutzutage die einzig mögliche sittliche Haltung sei. Niemand merkt, wie dumm so eine Meinung ist.

»Show« statt Ausstellung

Wollte jemand ein Kunstwerk »verbessern«, hätte er oder sie grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Entweder dieses Werk zu SCHAFFEN – dann wäre er oder sie die einzige Instanz, über diese »Verbesserung« urteilen zu können, und ein entsprechender Vergleich wäre dann obsolet; oder dieses Werk NICHT zu schaffen bzw. geschaffen zu haben – dann aber hat diese »verbessernde« Person die verdammte Pflicht, sich SICHTBAR mit dem Original auseinanderzusetzen, die Kriterien der »Verbesserung« SICHTBAR zu machen. Diese Sichtbarmachung kann nur durch Konfrontation mit dem Original erzielt werden. Diesen Vergleich verweigern Fernandez/Navarro. Und auch die von ihnen »veränderten« Werke haben sie nicht geschaffen. Was also soll dann diese Ausstellung, was will sie? Sichtbarmachung durch Verbergung? Die Visualisierung eines vulgären Verständnisses von Heideggers Begriff der »Entbergung«? Auf solche Fragen hatte und hat Instituto Divorciado keine Antwort; die Galeristin übrigens auch nicht, die sehr bemüht war, die beiden Künstler (die sich im Gespräch selbst auch immer wieder als Kuratoren bezeichnet hatten) von kritischen Befragungen fernzuhalten. Einmal damit konfrontiert, flüchten sie sich immer wieder in ein ausredenhaftes, reichlich benebeltes »this would be another show«, siehe oben. Show, nicht »exhibition« – spätestens bei dieser Wortwahl war alles klar.

Irgendwie wird man den Eindruck nicht los, dass die beiden Knaben einen gewissen Hass auf die Kunst haben, auf die »traditionelle« Kunst. Im Sinne welcher aktuellen Kunstformen auch immer gibt es weder Grund noch Anlass, Werke der Malerei und Skulptur zu zerstören. In der bemühten Originalität der Ideendarstellung soll wohl die Substanzlosigkeit ihrer Provokation versteckt werden: sie propagieren Anschauungen ohne Begriff, also blinde Anschauungen; sie propagieren Begriffe ohne Anschauung, also leere Begriffe. Form- und inhaltslose Kunst; »Kunst«. Aber trotzdem wollen sie am Kunstsektor mitmischen. Und da bietet sich der erwähnte »erweiterte Kunstbegriff« an, der sich nur zu oft so manifestiert: Studentenscherze auf höherem organisatorischen Niveau sollen darüber hinwegtäuschen, dass die »kreativen« Scherzkekse handwerklich und geistig völlig unbedarft und also unfähig sind, eine ernsthafte Auseinandersetzung mit jener künstlerischen Tradition durchzuführen, in die sie sich »kritisch« einschreiben wollen. Und im Übrigen sind sie ziemlich faul. Aber Hauptsache, man kann das blöde Publikum verarschen.

Fazit

Ganz offensichtlich haben Fernandez/Navarro keinen blassen Schimmer vom Unterschied zwischen Rezeptionsästhetik und Produktionsästhetik; Heideggers – und auch Benjamins oder Adornos – Werk-Begriff dürfte ihnen ein spanisches Dorf sein; die ernsthaften Bemühungen der klassischen Monochromkunst des 20. Jahrhunderts (spontan aufgezählt: Malewitsch, Reinhardt, Fontana, Klein, Rothko, Martin, Marioni …) haben sie offensichtlich kaum wahrgenommen, geschweige denn durchdacht; Kants »Kritik der Urteilskraft«, auf die sie sich in ihrem delirierenden und wirren Begleittext auf ihrer Website beziehen, hat mit den angeblich ethischen Interessen, die sie mit ihrer Show verfolgen, einfach nichts zu tun. Nicht nur angesichts dieser Ausstellung – oder vielleicht doch »show«? –, sondern auch nach Lektüre der begleitenden Texte stellt sich der Eindruck ein: da war jemand nicht Herr seiner Sinne; verschneite Vernunft scheint da leitend gewesen zu sein. Das ist wohl die feuilletonistische Postmoderne, gegen die Wolfgang Welsch zu Recht aufgetreten ist.

Es ist unbekannt, wie die 36 eingeladenen Künstler zu dieser Aktion ihrer Verachtung stehen. Sicher wird es einige geben, die es »cool« finden, auf diese Weise (endlich?) ins Gespräch zu kommen. Die meisten werden sich um die Sache nicht kümmern, sei es aus Laissez-faire oder weil sie nicht in Berlin leben. Einige werden sich wohl beschweren, zu Recht, muss man sagen. Die drohende Sachbeschädigung ist ja nicht geklärt, jedenfalls für den Betrachter nicht. Die Galerie wird wohl gut versichert sein. Am 8. Mai soll ein Katalog präsentiert werden: Ob darin nun endlich die notwendigen Vergleiche zu finden sein werden, bleibt abzuwarten. Falls ja, dann wäre das ungenügend, weil ja nur reproduktiv. Keine Reproduktion kann die Auseinandersetzung mit dem Original je ersetzen. Kritische Auseinandersetzung mit Kunst vollzieht sich ausschließlich am Original. Das ist die Ur-Einsicht jeglicher künstlerischer Betätigung und auch der sie begleitenden kritischen Rezeption. Wer das nicht versteht, hat in der Kunst nichts verloren.

(06/2009)

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