Bleibt immer, was nicht war?

Jetzt ist es soweit: Frau Chen ruft Herrn Chow im Büro an. Er ist nicht da. Sie will offensichtlich keine Nachricht hinterlassen. Sie legt auf. Ihr Telefon übergroß im Vordergrund, sie dahinter, sie setzt sich, beunruhigt. Was ist mit ihm? Warum ist er seit Tagen nicht in der Redaktion? Hat Chow sie verlassen? Überblendung. Schwarz. Schnitt. Frau Chen ist im Büro beschäftigt, man sieht sie von hinten. Da läutet das Telefon: Sie hebt ab, dreht sich um: Hallo? – Offenbar ist Herr Chow am anderen Ende. Und dann sitzt Frau Chen im Taxi. Sie trägt ein weißes Kleid mit schwarzen Blumen und Blättern darauf, um ihre Schultern einen roten Mantel. Kein Zweifel, Frau Chen ist aufgeregt. Sie ist schön, streicht über die Lippen. Sie hat es eilig. Gleich anschließend läuft sie über Treppen, eilt Gänge entlang, das Licht ist schummrig. Es ist ein Hotel. Oben angekommen, am Treppenabsatz hält sie inne, sie stützt sich ab, ist außer Atem, alles ist schwer. Dann der Gang, der schon einmal zu sehn war, sie eilt ihn entlang, wir sehn sie von hinten. Und Treppen, und Winkel, und Gänge. Herr Chow steht am Fenster, er ist angespannt und verzieht keine Miene, er leidet stoisch.

Es klopft. Wir wissen, wer klopft. Frau Chen. Herr Chow atmet kurz, zieht an der Zigarette. Dann Schnitt. Totale, der Gang. Und jetzt gleich: Wir glauben, Frau Chen hat nun das Zimmer betreten. Wir erwarten, die beiden Liebenden und ihre Liebe zu sehen. Dagegen: Sie verlässt das Zimmer. Ich besuche dich morgen wieder, sagt sie. Das ist der Abschied. Er erscheint, man sieht nur seine Vorderseite, angeschnitten im Profil. Sie treffen Vorkehrungen für die nächsten Tage. Blickwechsel. Und dann die Veränderung: Beide sind nun per du (jedenfalls in der deutschen Synchronfassung): Ich hätte nicht gedacht, dass du kommst, sagt er. Und sie sagt: Wir sind nicht so wie die. Das ist der zentrale Satz, und nun ist klar – es ist die Mitte des Films –, die Ehebrüche der Partner der beiden haben eine höchst private Antwort gefunden. Frau Chen und Herr Chow hatten zum ersten Mal die Gelegenheit, ganz alleine Zeit miteinander zu verbringen. Wie sie sie verbracht haben, ist nicht zu sehen, aber zu denken – vieles ist möglich. Was ist zu sehen? – Der Abschied der Frau. Bis morgen. Die Tür geht zu, Zimmer 2046. Und dann geht Frau Chen den Gang entlang, langsam, und ebenso langsam fährt die Kamera zurück. Freeze Frame. Das besiegelt den Abschied, der von Beginn an die Beziehung der beiden prägt, den Gefühlen zum Trotz.

Tragisch ist diese zweiminütige Szene, die als Zusammenfassung des Films »In the Mood for Love« (»Fa yeung nin wa«, Wong Kar-Wai, HK 2000) gelten kann, nicht allein wegen des Abschieds. Sie ist es auch, weil die danach folgenden Sequenzen, die von Shigeru Umebayashis herzzerreißendem »Yumeji’s Theme« mit klagender Geige begleitet werden, die beiden Liebenden – deren Liebe real, aber zugleich unmöglich ist – nach dem Abschied im Hotel bei weiteren Treffen zum einzigen Mal in diesem Film entspannt zeigen. Frau Chen (Maggie Cheung) und Herr Chow (Tony Leung) haben einen Raum gefunden, der nicht so beengt ist wie die Zimmer, die sie mit ihren sie mit einander betrügenden Ehepartnern bewohnen müssen. Beide Ehepaare ziehen zu Beginn des Films am selben Tag in benachbarte Zimmer in Hongkong, die jeweiligen Partner sind im Film nur als Stimmen präsent. Nachbarin und Nachbar begegnen einander immer wieder, und diese Begegnung, dieses diskrete Aneinander-Vorbeigehen, oft mit niedergeschlagenen Augen, ist stets in Zeitlupe zu sehen. Was dabei besonders auffällig ist: die Inszenierung der Rückenansichten der Protagonisten. Natürlich ist es nicht möglich, dass zwei einander passierende Menschen im Moment der Passage den Rücken des anderen sehen. Aber das Kinopublikum sieht ihn, den Rücken von Frau Chen; er wird sehr oft im Bild erscheinen.

Es gibt noch keine Beziehung zwischen Frau Chen und Herrn Chow, noch gibt es keinen Verdacht über die Untreue der Ehepartner. Es gibt nur unverbindliche Gespräche, die zwar das Interesse aneinander steigern, aber Beziehung – im Sinn von Verbindlichkeit – kann das nicht genannt werden. Mit wachsendem Interesse steigt auch die Anspannung, zumal die beiden gemeinsam und zugleich entdecken, dass sie betrogen werden, dass ihre Partner sich eigentlich schon verabschiedet haben. Die beengten Wohnverhältnisse bedingen, dass sie vor den allzu leutseligen Vermietern, die ebenfalls dort wohnen, ihre prekäre Lage verbergen müssen. – Abschied, was heißt das, vor allem wenn es um Liebe geht? Der geliebte Mensch geht weg, er verlässt mich unwiderruflich. Das ist unerträglich, es fehlt einem dann etwas, man muss sich entwöhnen, ohne dass einem geholfen wird. Die Liebe fehlt nicht, sie kann ja stets neu auflodern. Aber die »Liebe zu« fehlt: der Bezug zu jemandem, dem man begegnet und der oder die bleibt. Die untreuen Ehepartner der Protagonisten sind (im Bild) abwesend, auch wenn sie (im Ton) anwesend sind. Dieses Schicksal droht den beiden einander allmählich Liebenden von Beginn an, es ist furchtbar.

An den Umständen, in denen Frau Chen und Herr Chow leben (müssen), ist zu erkennen, dass ihr Kennenlernen primär eine Notwendigkeit ist: enge Wohnungen, Gänge, Treppen, aufdringliche Nachbarn. Es geht gar nicht anders, als einander zu begegnen, einander kennen zu lernen; wenn man so will: es ist erzwungen. Solcher Zwang enthält den Keim des Abschieds schon in sich. Da ist kein Anfang der Beziehung, der aus Freiheit geschieht. Da gibt es nur ein Müssen, da gibt es nur das Ende – und wenn man vorsichtig genug Interesse zeigt, was sieht man: den Rücken des anderen. Wie gesagt, immer wieder gehen Frau Chen und Herr Chow aneinander vorbei: Begegnung und zugleich Abschied. Manchmal dreht man sich um. Aber die Begegnung ist nur selten von Dauer, nichts bleibt. Wer den Film zum ersten Mal sieht – »geeicht« durch die Kenntnis unzähliger Kinoabschiedsszenen und persönlicher Erfahrungen –, hofft: Es wird schon werden. Roland Barthes nennt das in seinen »Fragmenten einer Sprache der Liebe« ein vernünftiges Gefühl, im Gegensatz zum liebenden Gefühl, dass nichts werden wird und doch alles dauert. Die Begegnungen kommen immer wieder, die Abschiede auch, die Wiederholung des immer gleichen Rituals: Treffen auf den Treppen, beim Gang zur Nudelküche auf der Straße, vor und in der Wohnung, während die Vermieter sich heiter und laut dem Mah-Jongg und anderen Lustbarkeiten hingeben; all diese Treffen sind zufällig oder notwendig. Anfang haben sie keinen. Aus diesem rhythmischen Ritual versuchen die Protagonisten auszubrechen, weil es unerträglich lang andauert.

»Ich frage mich, wie es angefangen hat«, diese Frage beschäftigt beide Protagonisten. Die Unerträglichkeit ihrer Lage hat nichts mit Moral zu tun (ein Irrtum, dem die Vermieterin aufsitzt, als sie Frau Chen einmal entsprechend ermahnt), sie hat auch nichts mit der Einsamkeit zu tun, die beide fühlen, obwohl sie verheiratet sind. Sie hat mit der Lebenssituation beider zu tun, und dass beide spüren und wissen: es gibt nur den Abschied voneinander. Wüsste man den Anfang der Beziehung, wäre der Abschied erträglicher. Denn es ist schlimm, wenn etwas aus dem Nichts entsteht – was hat man nach seinem Ende zu erwarten? Wieder das Nichts? Ein Anfang ist etwas, wenn man ihn als »Beginn« bezeichnet, ist er greifbar. Das gibt Sicherheit. Aber Frau Chen und Herr Chow sind unsicher. Und sie greifen nicht zum einzigen Mal im Film zu Mitteln der Kunst, um Gewissheit, Sicherheit zu erlangen: sie spielen Theater. In der ansteigenden Handlung des Films (nach ungefähr einer halben Stunde) sind die beiden des Nachts auf der Straße zu sehen, in zwei aufeinanderfolgenden, beinahe identischen Szenen. Sie spielen jeweils die Untreue ihrer Ehepartner durch. In diesen echten Szenen – sie spielen einander ja den jeweils anderen Ehepartner vor – kommt es zu den ersten unechten Berührungen zwischen den beiden, zu einer realen Verbindung. Doch das gegenseitige Vorspielen endet nicht zufriedenstellend. Gewissheit gibt es über den Abschied, über den Anfang nicht. Für beide sachte einander zu lieben Beginnenden gilt, die Lage zu erdulden. Abfinden können sie sich damit nicht, deswegen werden ihre Treffen auch immer weniger zufällig, dafür aber geplant. Und sie sind leidvoll, denn sie haben einander und zugleich auch wieder nicht. Sie wollen einander sehen, müssen dieses »Einander« aber verbergen. Diese prekäre Gleichzeitigkeit erfordert Behutsamkeit. Noch nie waren im Kino zwei Menschen so behutsam im Umgang miteinander, in diesem Fall notgedrungen.

Mitten in den Bauch trifft einen die sich allmählich anbahnende Ausweglosigkeit der Liebe von Frau Chen und Herrn Chow. Da die untreuen Ehepartner nicht anwesend sind, erscheint es unzweifelhaft normal, ja fast notwendig, dass Frau Chen und Herr Chow zusammengehören sollten. Die Enge der Verhältnisse, in der die beiden leben, wird oft aus Bauchsicht gezeigt, Köpfe, Füße sind nicht zu sehen, aber immer wieder: die Hände. Und nicht zu sehen: die Fesseln, die den Protagonisten das Handeln unmöglich machen. Sie suchen einen Ausweg, sie finden ihn nicht. Sie finden ihn nicht, weil ihnen nur die Sprache bleibt, Gesten, Berührungen, das Vorspielen. Mit Barthes gesprochen bleibt der Ausweg für Frau Chen und Herrn Chow bloße Idee, die sie lediglich besprechen können, »ein geheimer Ort von Ausgängen und Ausbruchsversuchen« ist diese Idee. Ein so liebender Mensch kann sich nur zurückziehen – es ist Herr Chow, er übersiedelt nach Singapur –, denn er oder sie erlegt sich auf, »gleichzeitig Liebender zu sein und es nicht mehr zu sein«. Das kann einen wahnsinnig machen, und man muss warten, ob die Liebe geht, ob sie sich verabschiedet. Von ganz allein kommt sie und geht sie. Ob das ihr Geheimnis ist?

Es gibt eine Metapher, eine Geschichte im Film, die Herr Chow seinem Arbeitskollegen erzählt. Tief in seinem Herzen, so beginnt sie, hat ein Mensch ein Geheimnis, und niemand darf es wissen. Trotzdem drängt das Geheimnis nach außen, es ist für den Menschen schwer, es zu behalten. Er lässt es hinaus und will es doch behalten. Was macht er? Er geht in die Berge, sucht sich einen Baum aus und bohrt ein Loch hinein. Sein Geheimnis flüstert er ins Loch und verstopft dieses danach mit Erde. So bleibt das Geheimnis für immer im Baum, niemand hat oder wird es fassen. Herrn Chows Kollege weiß, das es um eine Frau geht, versteht die Geschichte aber nicht richtig. Er denkt, es ginge nur um den Austausch von Leibessäften. Jedoch: Zu diesem Zeitpunkt ist Herr Chow schon verliebt in Frau Chen, und zugleich ist ihm bewusst, dass seine Liebe nicht möglich ist. Noch bevor sie angekommen ist, hat sie sich verabschiedet. Das ist schwer zu ertragen. Noch bevor die Chens und die Chows Nachbarn geworden sind, hat sich eine vielleicht mögliche Liebe entfernt. Wüsste man das im Vorhinein, es wäre kaum auszuhalten. Es gehört zum Wesen der Lage der Liebenden, dass sie unerträglich wird, sagt Roland Barthes. Und er fügt hinzu: »sobald der Zauber der ersten Begegnung vorbei ist«. Genau das fehlt Frau Chen und Herrn Chow: der Zauber des Anfangs. Das Gespanntsein auf das, was da kommen wird. Denn ihre Lage wird nicht unerträglich, sie ist es von Anfang an. Am Ende des Films, als der Abschied besiegelt ist, wird diese Geschichte, die Herr Chow zwischendurch seinem Arbeitskollegen erzählt, auch gezeigt – in den Ruinen von Angkor Wat. Herr Chow flüstert in eine Wand der Ruinen. Wir hören nicht, was er sagt, wir hoffen – vernünftig fühlend –, er wünscht sich Frau Chen zurück in sein Leben. Was wir aber liebend fühlen, also wissen, weil wir es sehen: es ist ihm ernst.

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