Eingebettet in den Sport

Drei österreichische Slalomfahrer belegen bei den Olympischen Winterspielen in Turin/Sestriere die ersten drei Plätze. Die Kommentatoren der Fernsehübertragung des österreichischen Fernsehens überschlagen sich pflichtschuldigst mit Begeisterung. Der Erbsenzähler der beiden versucht den Sieg nicht nur mit der Statistik zu untermauern, sondern auch als einzigartig hinzustellen. Während der obligaten Zielrauminterviews scheint sich offenbar Denkwürdiges zugetragen zu haben: Ein ehemaliger Olympiasieger ruft in Sestriere an und reklamiert seine vor zwei Generationen erlangten olympischen Siege als einzigartig. Und wiederum pflichtschuldigst kalmiert der Erbsen zählende Kommentator die Situation; sinngemäß: Er hätte das so nicht gemeint, was der heutige österreichische Olympiasieger geleistet hätte, sei nach 40 Jahren das erste Mal vorgekommen, die 50-jährigen Leistungen des Ehemaligen seien davon unberührt und natürlich auch einzigartig. Dabei spricht er direkt in die Kamera und spricht den Ehemaligen persönlich und per Du an. Der zweite Kommentator, ehemaliger aktiver und dem Clan der aktuellen Innenministerin entstammend, blickt betreten zu Boden. Was ist da passiert?

Spätestens seit dem Abfahrtsolympiasieg Franz Klammers in Innsbruck 1976, sicher aber seit dem 3:2-Sieg Österreichs über Deutschland bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien ist das österreichische Fernsehen in den Sport eingebettet. Freiwillig. Sehenden Auges. Die Sportnazion. Journalismus, recht verstanden, berichtet sachlich, distanziert, kritisch. Das kommt im österreichischen Fernsehen nicht mehr vor. Die »Reporter« MODERIEREN die Selbstdarstellungen der Athletinnen und Athleten, jede noch so inhaltsleere und (schlimmer noch:) unbedarfte Aussage wird zugunsten eines unreflektierten Verständnisses von Authentizität hingenommen. Das geht einher mit einer Geilheit nach Prominenz, die ihresgleichen sucht. Man versucht offensichtlich, von den Leistungen der Objekte der »Berichterstattung« für das eigene Renommee zu profitieren, ein Surplus zu generieren, das einen über die Plebs erhebt. Sportadel durch Erbsenzählen. Dieser Adel ist nur zu erreichen, wenn man mitmacht. Freiwillig.

George Dabbeljuh ist ein Waserl. Er glaubt, den »embedded journalism« erfunden zu haben, für seine Kumpane von den einschlägigen US-TV-Sendern gilt dasselbe. Die haben noch keine österreichische Ski-TV-Übertragung gesehen. Dort gibts den »embedded journalism« seit Jahrzehnten. Ein kleiner Staat hat es nicht verkraftet: nicht mehr ein Vielvölkerstaat zu sein; kein drittes Reich geworden zu sein; immer noch tun sich kritische Geister auf seinem Staatsgebiet um; usw. Und da kommt die übersteigerte Feier des trainierten Höchstleistungen vollbringenden Leibes gerade recht, um den gaga gewordenen Patriotismus hervorzurufen. Dies um den Preis der Aufgabe des kritischen Denkens. »Embedded journalism« als Machtinstrument ist grauenhaft genug. Noch grauenhafter ist es, wenn sich die Journalisten FREIWILLIG ins Bett der Objekte der Berichterstattung legen und so jegliche geforderte Objektivität ad acta legen. Übrig bleibt ein Patridiotismus übelster Sorte und das Faktum, dass sich zum Beispiel prominente, auf die Seite blickende Skipensionisten geradezu aufgefordert fühlen können, während der laufenden Direktübertragung inhaltlich eingreifen zu können. Das war bisher nur den Generalsekretariaten gewisser politischer Parteien vorbehalten. Sport ist Politik, rechte Politik. Wenn Elfriede Jelinek mit ihrer Sportkritik das gemeint hat, dann hat sie einfach Recht.

(03/2006)

Dieser Beitrag wurde unter Aufsätze und Feuilletons veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.