Die Jubelliste

Im Herbst 2004 hatte einer meiner Freunde folgenden Traum: Die österreichische Bundesregierung verzichtet auf die Produktion des umstrittenen »Austrokoffers« der österreichischen Literatur nach 1945. Sie verzichtet aber nicht darauf, gerade im Jubeljahr der Staatsvertragsunterzeichnung die österreichische Literatur zu promoten. Deshalb zieht sich die gesamte Regierung zu ein paar Einkehrtagen ins Stift Seckau zurück. Im Gepäck befinden sich einschlägige Literaturgeschichten und Dissertationen und Diplomarbeiten zur österreichischen Literatur – und das VLB, das Verzeichnis lieferbarer Bücher. Unter der Aufsicht von Wolfgang Schüssel erstellen die Regierungsmitglieder eine Liste all jener Werke österreichischer Autorinnen und Autoren, die zum Zeitpunkt der literarischen Regierungsklausur in Buchhandlungen gekauft werden können. Mit der Produktion dieser großmächtigen Liste werden Franz Morak und Karl Schweitzer beauftragt.

Wie tun?

Ihre Aufgabe besteht nun darin, jedem Einwohner und jeder Einwohnerin Österreichs, also etwa acht Millionen Menschen je eine Liste zur Verfügung zu stellen. Um Kosten zu sparen, mieten sie einen Kopierladen in der Nähe des Stephansdoms. Außerdem gelingt es ihnen, Elisabeth Gehrer und Ursula Haubner, Karin Miklautsch und Maria Rauch-Kallat zu überzeugen, ihnen zu helfen. Zwölf Hände hackeln schneller als zwei. Speed killt, wie ja inzwischen alle wissen. Sobald die acht Millionen Exemplare fertig kopiert und gebunden sind, werden sie im Außenministerium zwischengelagert. Dieses steht ja an 101 Tagen im Jahr leer.

Begleitaktion

Während der Kopieraktion gründen Martin Bartenstein und Herbert Haupt eine Initiative zur Arbeitsplatzbeschaffung und Wirtschaftsankurbelung: Jede Buchhandlung Österreichs bekommt einen neuen Mitarbeiter oder eine neue Mitarbeiterin zugewiesen – der Personalfundus des AMS ist ja groß genug. Diese Menschen haben die Aufgabe, für ihren neuen Arbeitsplatz, die Buchhandlung, einen Stempel herzustellen und zu bedienen, einen Stempel, dem eine entscheidende Bedeutung zukommen wird. Denn nachdem die acht Millionen Literaturlisten als Postwurfsendung an die Österreicherinnen und Österreicher geschickt sein werden, gibt es eine Werbekampagne. – Hier muss hinzugefügt werden: Jenen Österreicherinnen und Österreichern, die in ihrem Briefkasten »Keine Sendungen ohne persönliche Anschrift« und/oder an ihrer Wohnungstür »Bitte kein Werbematerial« angebracht haben, wird dies per einfachem Gesetz für das gesamte Jubeljahr 2005 untersagt. Eine schnelle Eingreiftruppe unter der Führung von Ernst Strasser und Günther Platter beobachtet die Einhaltung dieser Untersagung und bestraft Zuwiderhandelnde in einem Schnellverfahren.

Und Werbung im Internet

Im Zentrum der Werbekampagne steht eine Webseite, mit deren Gestaltung der von Alfred Finz noch zu gründende »Verein zur Förderung der alten Wirtschaft« betraut wird. Diesem Verein würde mein träumender Freund aus Gründen der Steuerfreiheit gerne vorstehen, und insgeheim wünscht er sich Karl-Heinz Grasser als Projektleiter. Jede Österreicherin und jeder Österreicher hat nun aus der zugesandten großmächtigen Literaturliste drei Bücher zu kaufen. Welche das sind, darf er oder sie sich aussuchen, wir sind ja keine Diktatur. Die ausgewählten Bücher meldet man auf der Webseite und bekommt eine Buchhandlung zugewiesen. In diese Buchhandlung geht man dann und KAUFT die drei Bücher, denn das ist Bürgerpflicht. Der von AMS und Bartenstein gelieferte neue Mitarbeiter oder die neue Mitarbeiterin stempelt dann das Logo des Jubeljahres 2005 – ein stilisierter geflügelter Koffer in dezentem Rotweißrot – in jedes dieser Bücher. Die derart gestempelten Bücher sind einerseits Eintrittskarten zu den republikanischen Feiern, wobei jedes Buch aber nur einmal verwendet werden darf: eines am 15. Mai, eines am 26. Oktober und eines bei einer der unzähligen spontan stattfindenden Veranstaltungen, die Hubert Gorbach und Josef Pröll, Helmut Kukacka und Eduard Mainoni in ganz Österreich für die Bundesregierung organisieren und koordinieren: mit Sonderzügen und Traktorkorsos zu alkoholischen oder abstinenten Zeltfesten. Andererseits ist bei den Veranstaltungen mit dem Buch laut zu winken, zum Beweis der Verbundenheit mit der österreichischen Literatur. Das Buch hat also Doppelfunktion.

Verkrümeln

Von der Realisierung dieses Traums, meint mein Freund, profitierten alle: Die Buchhandlungen, denn sie haben dann mehr Einnahmen; die Verlage, denn sie haben dann mehr Umsatz; die österreichischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller, denn sie haben dann mehr Tantiemen; die Österreicherinnen und Österreicher, denn sie haben dann etwas zu tun; die Regierung, denn sie hat dann etwas getan. Und Dr. Günther Günther Nenning? – Er denkt sich, »Österreich ist geil«, wendet sich von der Literatur ab und beginnt, gemeinsam mit Wolfgang Schüssel Nanotechnologie zu studieren. Dort soll man sich ja prima verkrümeln können.

(03/2005)

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