Design als Lebensretter

Ein Werbefilm aus ca. 1998 zeigt folgende Szene: Ein junger Mann steht in der Küche. Er jagt eine Fliege, will sie mit einer Zeitung erschlagen. Die Fliege ist schneller, fliegt zum Fenster, zur Glaswand, will hinaus. Der junge Mann visiert sie an, und da passiert etwas Unerwartetes. Ein silbergraues Auto, ein Kombi, fährt am Haus des Fliegenjägers vorbei. Dieser ist von dem Auto so fasziniert, dass er für kurze Zeit vergisst, nach der Fliege zu jagen. Er blickt dem die Straße hinabkurvenden Wagen nach. Während man dem durch eine Haarnadelkurve fahrenden Kombi zusieht, blendet sich in der Mitte ein Insert ein: »Der neue Volvo V40. Designed to save lives«, und rechts oben erscheint das Volvo-Logo mit zwei Zusatzworten, »for life«. Die Fliege verschwindet. Der Mann wirkt verwirrt, als er aus seiner Faszination »erwacht« und nach der Fliege sucht.

Leben retten als Kaufargument

Designt, um Leben zu retten. Dieses mit einem Augenzwinkern vermittelte Kaufargument stammt von Werbetextern und enthält eine bemerkenswerte Aussage: Design ist lebensrettend. Oder vorsichtiger: Design kann lebensrettend sein. Stimmt das eigentlich? Der Werbefilm behauptet auf indirekte Weise, dass der neue Volvo ein sicheres Auto ist. Es ist schwierig, eindeutig zu zeigen, dass und warum ein Auto sicher ist. Die Macher des Films haben sich aus dieser Affäre gezogen, indem sie die Form des Autos und ihre direkte Wirkung vorgeführt haben. Und dazu haben sie nur die eingeblendeten Worte gebraucht – die leise Tonspur des ganzen Films besteht nur aus atmosphärischen Geräuschen: (Radio-?)Musik, Fliegensummen, Autogeräusche. Niemand sagt etwas. Nur die Form des Wagens soll wirken. Und dass sie das tut, zeigt die Reaktion des jungen Mannes. Er vergisst für einen kurzen Moment auf das Erschlagen der Fliege. Die bringt sich in Sicherheit.

Erscheinung der Sicherheit

Der Werbefilm behauptet: Dieses Auto ist sicher, und das zeigt sein Design. Worin die Sicherheit genau besteht, wird nicht mitgeteilt. Ist es irgendein Hi-tech-Gerät im Inneren des Autos oder vielleicht seine Bauweise? Man könnte höchstens sagen, dass seine Sicherheit in der Schönheit seiner Form besteht. Aber jeder Mensch weiß, dass das zu wenig ist. Was ist denn nun da designt? Welche lebensrettenden Präventivmaßnahmen wurden getroffen, um dieses Auto zu einem sicheren zu machen? Antworten auf alle diese Fragen bleibt der Werbefilm schuldig. Die bloße Erscheinung des neuen Volvo erzeugt das Gefühl »dies ist ein sicheres Auto«. Der Werbefilm legt dem Betrachter somit den zweifelhaften Schluss nahe, dieses Auto sei auch tatsächlich sicher und im Ernstfall des Unfalles lebensrettend. Die Form behauptet ein bestimmtes So-Sein des Gegenstands und lenkt die Aufmerksamkeit darauf. Was an Sicherheit im Auto ist, sei seiner Form abzulesen.

Inhalt – Form – Design

Daraus ergibt sich eine allgemeine Aussage: Es gibt nur geformte Inhalte. Es gibt keinen Inhalt an sich, es gibt keine Form an sich. Inhalte sind immer schon geformt. Immer dann, wenn man von etwas spricht, gibt man ihm eine bestimmte -sprachliche – Form. Das alte Verhältnis von Form und Materie entspricht in groben Zügen dem Verhältnis zwischen Design (disegno) und Inhalt im Bereich der visuellen Künste bzw. der visuellen Gestaltung überhaupt. Schon das Wort »Gestaltung« zeigt, dass von etwas die Rede ist, das Gestalt, Form, Umriss, Linie hat. Wenn ein Ding Form hat, so kann es diese schon immer gehabt haben, quasi von vornherein, substanziell. Man kann einem schon Geformten aber auch eine andere Gestalt geben; es erhält dann eine hinzukommende, eine akzidentelle Form. Genau in diesem Spannungsfeld zwischen akzidentell und substanziell ist der Begriff des Designs und mit ihm die Tätigkeit des Designens angesiedelt.

Beispiele

Ein Sessel, ein Zimmer, ein Haus: Dinge, die von alters her quer durch die Kulturen verschieden designt wurden. Genauer gesagt: Gestaltet wurde das Sitzen, das Wohnen, das Sich-Bewegen in Räumen. Gestaltet wurden Tätigkeiten, Verhaltensweisen. Die verschiedenen Arten des Sitzens etwa wurden verschieden aufgefasst, interpretiert. Den Gegenständen, die man zum Vollzug dieser Tätigkeit benötigt, den Sitzgelegenheiten, wurde ihr Gebrauch gleichsam auf den Leib geschneidert. Die gemütlichen Samt bespannten Sofa-Ecken in den Wiener Kaffeehäusern laden zu einem längeren, sich breit machen dürfenden, zurückgezogenen, in sich versinkenden Sitzen ein. Die Kaffeehaus-typischen Thonet-Sessel mit ihren harten knappen Sitzflächen tun das nicht. Sie sind kommunikativer designt, erfordern gerades, aufmerksames Sitzen. Mit dem Lesen, um ein weiteres Beispiel zu bringen, verhält es sich ähnlich. Das typographische Design der Schrift weist auf den Inhalt des Geschriebenen hin. Und es macht tatsächlich einen Unterschied, ob man eine in Helvetica oder Frutiger gesetzte Gebrauchsanweisung liest oder einen in Sabon oder Garamond gesetzten Roman. Es gibt mindestens acht verschiedene Arten des Lesens – von linear über konsultierend bis aktivierend -, und die Typographie nimmt darauf Rücksicht.

Design gegen die Norm

Angenommen, es gäbe auf der ganzen Welt immer nur diesen einen Norm-Sessel: in Wohnungen, Restaurants, Zügen, Flugzeugen. Und angenommen, es gäbe für alle Arten von Texten auf der ganzen Welt nur eine einzige Schrift: das wäre nicht nur unendlich langweilig, es wäre auch der Tod des Sitzens und der Tod des Lesens. Lesen, sitzen, ja alles, was sich mit einem Verb ausdrücken lässt, ist a priori auf Vielfalt und Verschiedenheit angelegt. Eine gestalterische Reduktion auf Einheitlichkeit, Einförmigkeit nimmt den Tätigkeiten ihr Wesenselement: das Lebendige. Das Leben gibt es im Grunde nur als reinen Infinitiv »zu leben«. Design hält Dinge lebendig. Design interpretiert Tätigkeiten immer neu. Design ist Bewegung. Und deswegen tatsächlich lebensrettend.

(02/2003)

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